ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR7-0008 · ATLAS 260

Symploce

Wiederholung gleicher Anfänge und gleicher Enden in aufeinanderfolgenden Einheiten.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Symploce verbindet wiederkehrende Anfänge und Enden zu einem doppelten Rahmen. Der Eintrag macht erfahrbar, wie wechselnde Inhalte an dieselben Ausgangs- und Zielpunkte gebunden werden. Sein Zusatz gegenüber Anapher und Epipher liegt im Zusammenwirken beider Grenzen und der dadurch erzeugten Vergleichbarkeit.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Symploce verbindet Anapher und Epipher, indem aufeinanderfolgende Einheiten sowohl mit demselben Ausdruck beginnen als auch mit demselben Ausdruck enden. Zwischen diesen festen Rändern kann das mittlere Material variieren. Die Figur schafft dadurch einen sprachlichen Rahmen, der Unterschiede einschließt und zugleich auf gemeinsame Ausgangs- und Zielpunkte verpflichtet. Sie eignet sich für Kontrast, Steigerung und kollektive Wiederholbarkeit, kann aber auch den Eindruck erwecken, vielfältige Fälle seien stärker gleichgeordnet, als sie sachlich sind. Symploce macht eine doppelte Bindung des Denkens sichtbar: Jede Aussage öffnet sich aus derselben Formel und kehrt in dieselbe Formel zurück, während ihre Besonderheit im Zwischenraum hervortritt.

Denkbewegung

1. Mehrere aufeinanderfolgende Einheiten stehen zunächst als mögliche parallele Aussagen bereit. 2. Jede beginnt mit demselben hervorgehobenen Ausdruck und erhält dadurch einen gemeinsamen Ausgangspunkt. 3. Verschiedenes Mittelmaterial entfaltet einzelne Fälle, Gründe oder Spannungen innerhalb des Rahmens. 4. Das identische Ende führt alle Einheiten zu einem gemeinsamen Ziel, das die Gegenprobe auf sachliche Tragfähigkeit prüft. 5. Die Reihe kehrt als doppelt gerahmte Denkbewegung zurück, in der Gleichheit und Differenz zugleich hörbar bleiben.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorische und prosodische Analyse kann Grenzpositionen, Parallelität und Variation des Mittelfelds annotieren. Rezeptionsstudien prüfen Erinnerbarkeit, Nachdruck und wahrgenommene Gleichordnung der Fälle.

Beispiel

»Wenn wir fragen, öffnen wir Wege; wenn wir zweifeln, prüfen wir Wege; wenn wir antworten, verändern wir Wege.« Anfang und Ende bilden einen festen Rahmen für drei Bewegungen.

Gegenbeispiel

Gleiche Satzanfänge allein bilden eine Anapher, gleiche Satzenden allein eine Epipher. Symploce verlangt beide Positionsbindungen in korrespondierenden Einheiten und nicht bloß wiederkehrende Wörter an beliebigen Stellen.

Abgrenzung

Von Anapher, Epipher, Epanalepse, Refrain und Parallelismus unterscheiden. Symploce kombiniert gleiche Anfänge und gleiche Enden über mehrere korrespondierende Einheiten hinweg.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Symploce erzeugt starke formale Geschlossenheit, verbindet unterschiedliche Aussagen und kann durch doppelte Wiederkehr Nachdruck, Rhythmus und Gemeinsamkeit steigern.

Resonanz

Jede Satzbewegung tritt durch dasselbe Tor ein und verlässt den Raum am selben Ausgang; dazwischen schwingen ihre Unterschiede umso deutlicher.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Wiederholungsfiguren → ATLAS_152 → WordNet-Gate 284: Legacy-ID und Benennungsvariante transaktional zusammengeführt

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Symploce“. Atlas der Sprache, AT-HAR7-0008. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR7-0008

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR7-0008

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Historischer Hintergrund

Peacham beschreibt Symploce 1593 als Verbindung wiederholter Anfänge und wiederholter Enden in mehreren folgenden Satzgliedern oder Klauseln. Die Figur umfasst damit die beiden zuvor behandelten Randwiederholungen in einem Muster. Seine Beispiele zeigen sowohl strikte Rahmung als auch Zunahme von Wörtern innerhalb wiederkehrender Grenzen. Als Wirkung nennt er Eignung für verschiedene Affekte und klangliche Annehmlichkeit; zugleich warnt er, dass zu viele Glieder die Form in sichtbare Künstlichkeit verkehren. Historisch entsteht die Einheit also durch wiedererkennbare Ränder, ohne dass die eingeschlossenen Aussagen deshalb gleichbedeutend oder logisch gleichwertig wären.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Für Symploce sind die identischen oder hinreichend parallelen Anfangs- und Endelemente jeder Einheit auszuweisen. Erst ihr gemeinsames Auftreten unterscheidet sie von einfacher Anapher oder Epipher; der Rahmen darf nicht als Beweis für inhaltliche Gleichheit gelten.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • Henry Peacham, The Garden of Eloquence (1593), Perseus transcription · Schemates Rhetorical: Symploce, including use and caution where present

    The relevant transcription was read; it has not been collated against a 1593 page image. This dates a documented witness, not the first coinage. Historical moral, social and religious judgements are attributed to Peacham, not adopted as current knowledge.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.