ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR9-0018 · ATLAS 260

Mesodiplosis

Wiederholung desselben Wortes oder Ausdrucks in der Mitte aufeinanderfolgender Satzglieder.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Mesodiplosis macht Wiederholung in der Gliedmitte als eigene Positionsordnung sichtbar und ergänzt Anfangs- und Endwiederholung um eine prüfbare Variante. Diacope betrifft Abstand innerhalb einer Wiederholung, nicht dieselbe Mittelposition in parallelen Gliedern.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Mesodiplosis wiederholt dasselbe Wort oder denselben Ausdruck in der Mitte aufeinanderfolgender Satzglieder. Unterschiedliche Anfänge und Enden erhalten dadurch ein gemeinsames rhythmisches Zentrum, an dem semantische Variation und strukturelle Gleichheit wahrnehmbar werden. Die Figur kann einen Leitbegriff stabilisieren, Gemeinsamkeit behaupten oder mechanische Gleichförmigkeit erzeugen. Die Analyse muss die relative Mittelposition, syntaktische Parallelität und jeweilige Bedeutung des Wiederholten prüfen. Eine Fassung mit verschobenem Ausdruck zeigt, ob gerade die innere Platzierung das Verhältnis der Glieder ordnet oder ob lediglich allgemeine Repetition vorliegt.

Denkbewegung

1. Die parallelen Satzglieder und die wiederkehrende Ausdrucksform in ihrer jeweiligen Mittelposition werden markiert. 2. Syntaktischer Rahmen, Akzent und Abstand zeigen, ob tatsächlich ein gemeinsames Zentrum entsteht. 3. Die Bedeutung des Ausdrucks wird in jedem Glied auf Stabilität, Steigerung oder Verschiebung geprüft. 4. Eine Version mit Anfangs-, End- oder fehlender Wiederholung isoliert die Wirkung der Mittelstellung. 5. Die Analyse beschreibt, wie verschiedene Bewegungen um denselben sprachlichen Knoten geordnet werden.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Prosodie, Stilistik, Gedächtnis- und computergestützte Musterforschung untersuchen Mesodiplosis über Positionsannotation und Parallelismus. Hörversuche können die Rolle der Mittelwiederholung für Gruppierung und Erinnerung messen.

Beispiel

„Wir wollen im Denken verbinden, im Sprechen verbinden, im Handeln verbinden.“ Die wechselnden Bereiche werden durch das mittlere Verb als gemeinsamer Auftrag organisiert.

Gegenbeispiel

Wiederholung irgendwo im Satz, Anapher am Anfang oder Epipher am Ende ist keine Mesodiplosis. Der gleiche Ausdruck muss in parallelen Einheiten wiederholt in innerer Position stehen.

Abgrenzung

Von Anapher, Epipher, Symploce und Diacope unterscheiden. Mesodiplosis bindet parallele Glieder durch Wiederholung in der Mitte; Anapher und Epipher wiederholen am Anfang beziehungsweise Ende.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Mesodiplosis erzeugt inneren Takt, Kohäsion und einen wiederkehrenden Fokus innerhalb wechselnder Glieder. Übermäßige Regelmäßigkeit kann Formelhafigkeit und erzwungene Gleichsetzung vermitteln.

Resonanz

Mehrere Bahnen tragen denselben leuchtenden Knoten in ihrem Zentrum. Von dort strahlt der gemeinsame Ausdruck in unterschiedliche Anfänge und Folgen zurück.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Wiederholungsfiguren → ATLAS_154

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Mesodiplosis“. Atlas der Sprache, AT-HAR9-0018. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR9-0018

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR9-0018

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Bullingers Beispiel ordnet wiederkehrende Wörter im Inneren aufeinanderfolgender Satzglieder an, nicht an deren Anfang oder Ende. Die Figur wird somit nach der Stellung der Wiederholung bestimmt. Während die übrigen Satzteile wechseln, schafft das wiederkehrende Element eine erkennbare Verbindung. Für die Atlasanalyse reicht es deshalb nicht, zwei Vorkommen eines Wortes zu zählen; auch ihre Position muss verglichen werden. Ob daraus Kontrast, Nachdruck oder Rhythmus entsteht, hängt von der Umgebung ab. Das Handbuch belegt diese Positionsbestimmung und den englischen Fachnamen im 19. Jahrhundert, aber weder einen Erstbeleg noch eine einheitliche Reaktion aller Leser.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

„Du suchst noch Gründe; ich suche noch Worte; wir suchen noch einen Weg.“ Das wiederkehrende „noch“ steht im Inneren der Satzglieder. Es verbindet verschiedene Tätigkeiten als unabgeschlossen. Ob dieser Zusammenhang trägt, prüfen wir an den wechselnden Satzteilen, nicht nur am gleichen Wort.