ATLAS DER SPRACHE

AT-W3-0416 · ATLAS 260

Parallelismus

Die Wiederkehr einer ähnlichen syntaktischen Struktur in aufeinander bezogenen Einheiten.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Parallelismus zeigt, wie vergleichbare Satzstrukturen zum Vergleich ihrer Inhalte auffordern. Die wiederkehrende Form kann Gleichwertigkeit nahelegen, obwohl eine sachliche Gleichheit erst zu prüfen ist. Der Eintrag erschließt diese grundlegende Strukturwirkung, während Anapher oder Antithese besondere Wiederholungspositionen und Gegensätze beschreiben.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Parallelismus bezeichnet die Wiederkehr vergleichbarer syntaktischer Strukturen in aufeinander bezogenen Einheiten. Die wiederholte Form stellt Wörter, Gedanken oder Handlungen nebeneinander und fordert dazu auf, ihre Positionen miteinander zu vergleichen. Dadurch kann sie Gleichwertigkeit stiften, Gegensätze schärfen, eine Steigerung tragen oder einen Rhythmus erzeugen, der Erinnerung erleichtert. Entscheidend ist strukturelle Entsprechung, nicht völlige Identität: Gerade der Austausch einzelner Elemente lässt Unterschiede innerhalb eines gemeinsamen Rahmens hervortreten. Parallelismus zeigt somit, wie Syntax selbst argumentieren kann. Sie ordnet Verschiedenes so, dass Leser eine Beziehung wahrnehmen, noch bevor diese ausdrücklich benannt worden ist.

Denkbewegung

1. Eine syntaktische Form wird in einer ersten Einheit etabliert. 2. Eine folgende Einheit nimmt dieselbe Ordnung mit verändertem sprachlichem Material wieder auf. 3. Die geteilte Struktur macht entsprechende Positionen unmittelbar vergleichbar. 4. Unterschiede, Gegensätze oder Steigerungen treten innerhalb dieses Rahmens hervor. 5. Die wiederkehrende Form kehrt als gedankliche Ordnung und rhythmische Erinnerung zurück.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorische und korpuslinguistische Analysen können syntaktische Entsprechung, Position der Variation und prosodische Realisierung annotieren. Rezeptionsversuche prüfen, ob parallele Fassungen besser erinnert oder als stärker kontrastierend beurteilt werden.

Beispiel

Wir hören, um zu verstehen; wir verstehen, um zu antworten. „Wir hören, um zu verstehen; wir verstehen, um zu antworten.“ Die wiederkehrende Konstruktion koppelt zwei Bewegungen, während die vertauschten Verben ihre Abhängigkeit sichtbar machen.

Gegenbeispiel

Zwei Sätze ohne erkennbare strukturelle Entsprechung Zwei ähnlich lange Sätze bilden noch keinen Parallelismus, wenn ihre syntaktischen Funktionen nicht erkennbar korrespondieren. Bloße Wortwiederholung kann Anapher oder Epipher sein, ohne eine parallele Gesamtstruktur auszubilden.

Abgrenzung

Von Anapher, Antithese und Antimetabole unterscheiden. Anapher wiederholt Anfänge, Antithese organisiert einen Gegensatz, und Antimetabole vertauscht Elemente. Diese Figuren können parallel gebaut sein, sind aber nicht mit Parallelismus identisch.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Parallelismus verwandelt syntaktische Wiederkehr in Vergleichbarkeit und gibt einer Aussage rhythmische Festigkeit sowie argumentative Kontur.

Resonanz

Eine Form antwortet auf ihre eigene Wiederkehr; im gemeinsamen Bau werden die ausgetauschten Wörter wie unterschiedliche Stimmen hörbar.

Provenienz

Roh-Masterliste K-0416 → ATLAS_037

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Parallelismus“. Atlas der Sprache, AT-W3-0416. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-W3-0416

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-W3-0416

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Historischer Hintergrund

Bullinger unterscheidet 1898 einfache und komplexe Formen des Parallelismus. Auf den gelesenen Seiten erklärt er bedeutungsähnliche beziehungsweise steigernde, gegensätzliche und konstruktive Zeilenbeziehungen; die konstruktive Form kann allein auf ähnlichem Bau beruhen. Seine Rückschau auf De Rossi, Lowth und Jebb ist eine vermittelte historische Referenz, keine hier vorgenommene Lektüre ihrer Werke. Die Systematik entsteht im Kontext seiner Auslegung biblischer Texte.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Formale Entsprechung, Bedeutungsnähe und Gegensatz sind verschiedene Begründungen für eine Parallelbeziehung.