ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR6-0008 · ATLAS 260

Diazeugma

Ein gemeinsames Subjekt wird mit mehreren parallelen Verben oder Prädikaten verbunden.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Diazeugma zeigt die Entfaltung eines gemeinsamen Handlungsträgers in mehreren Prädikaten und macht die organisierende Subjektbindung sichtbar. Zeugma kann unterschiedliche Ergänzungen unter ein regierendes Wort stellen, statt mehrere Prädikate zum Subjekt zu entfalten.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Diazeugma verbindet ein gemeinsames Subjekt mit mehreren parallelen Verben oder Prädikaten. Das Subjekt wird nur einmal gesetzt, während seine Handlungen, Zustände oder Eigenschaften in einer Reihe entfaltet werden. Dadurch bleibt ein Träger als Zentrum präsent, zugleich wird seine Vielseitigkeit, Aktivität oder Veränderung sichtbar. Die Parallelität kann rhythmisch geschlossen oder semantisch kontrastiv sein. Die Denkbewegung identifiziert das gemeinsame Subjekt, ordnet jedes Prädikat syntaktisch zu und prüft, ob die Reihe gleichartige Tätigkeiten bündelt, eine zeitliche Entwicklung erzählt oder widersprüchliche Rollen eines Trägers nebeneinanderstellt.

Denkbewegung

1. Das einmal genannte oder implizite gemeinsame Subjekt wird für alle folgenden Prädikate bestimmt. 2. Jedes Verb oder Prädikat wird syntaktisch und semantisch unabhängig diesem Subjekt zugeordnet. 3. Parallelität, Tempus und Rhythmus zeigen Gleichzeitigkeit, Folge, Steigerung oder Kontrast der Handlungen. 4. Eine Wiederholung des Subjekts vor jedem Prädikat macht die spezifische Verdichtung der Figur sichtbar. 5. Der Kontext klärt, ob die Reihe Aktivität, Vielseitigkeit, Zerrissenheit oder Verantwortlichkeit hervorhebt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Syntax, Stilistik, Narratologie und politische Rhetorik untersuchen Diazeugma über Prädikatskoordination, Subjektprominenz und Ereignisstruktur. Korpusanalysen können zeigen, wie die Figur Handlungsmacht oder Verantwortungsbündelung sprachlich erzeugt.

Beispiel

Der Bericht beschreibt die Leiterin: „Sie prüfte die Daten, hörte den Einwänden zu, änderte den Plan und übernahm die Verantwortung.“ Ein Subjekt trägt vier klar getrennte Handlungen.

Gegenbeispiel

Mehrere Verben in einem Satz bilden kein Diazeugma, wenn sie verschiedene Subjekte haben oder nur gemeinsam ein einziges komplexes Prädikat bilden. Erforderlich ist die erkennbare parallele Zuordnung zu demselben Träger.

Abgrenzung

Von Zeugma, Syllepsis, Enumeratio und bloßer Verbkoordination unterscheiden. Diazeugma entfaltet mehrere parallele Prädikate zu einem Subjekt; klassisches Zeugma kann ein regierendes Wort mit semantisch unterschiedlichen Ergänzungen verbinden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Diazeugma hält einen Träger im Zentrum und lässt mehrere Handlungen rasch an ihm vorbeiziehen. Es kann Dynamik, Kompetenz und Geschlossenheit, aber auch eine belastende Häufung von Pflichten vermitteln.

Resonanz

Ein Subjekt sendet mehrere Handlungslinien aus. Jede kehrt auf denselben Ursprung zurück, sodass Vielfalt als Resonanz eines gemeinsamen Trägers wahrgenommen wird.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Kopplungsfiguren → ATLAS_151

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Diazeugma“. Atlas der Sprache, AT-HAR6-0008. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR6-0008

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR6-0008

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Historischer Hintergrund

Burton bestimmt Diazeugma als Verbindung eines Subjekts mit mehreren, meist parallel angeordneten Verbkonstruktionen. Der Referenzeintrag nennt disiunctio in der Rhetorica ad Herennium als historischen Ursprung; die Originalstelle wurde in diesem Durchgang nicht eigenständig gelesen. Die Struktur hält einen Handelnden fest und führt durch aufeinanderfolgende Handlungen, ohne das Subjekt jeweils zu wiederholen. Für den Atlas ist diese Organisation von der Behauptung zu trennen, alle Handlungen hätten dieselbe Erklärung. Parallele Grammatik kann einen Zusammenhang nahelegen, den die Evidenz nicht trägt. Der Eintrag dokumentiert eine gelehrte Klassifikation und ihren vorgeschlagenen historischen Anschluss. Der direkte Quellenvergleich muss die Beziehungen zu Zeugma und Hypozeuxis prüfen, weil historische Kataloge die Grenzen unterschiedlich ziehen.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Diazeugma bindet mehrere Prädikationen an ein gemeinsames Subjekt; die formale Kontinuität beweist jedoch weder gemeinsame Ursache noch argumentative Einheit.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • Gideon O. Burton, Silva Rhetoricae, Brigham Young University, diazeugma, undated reference entry · Definition and reported Ad Herennium 4.27.37

    Selected witness, not a complete genealogy or first English attestation. Contemporary Atlas comparisons are editorial interpretations. A scholarly reference entry was inspected directly; its references to earlier works are reported secondary leads, not independently inspected historical attestations. Entry publication date is not established.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.