ATLAS DER SPRACHE

AT-133-036 · ATLAS 260

Zeugma

Ein gemeinsames Satzglied, meist ein Verb, wird auf mehrere andere Glieder bezogen.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Zeugma zeigt, wie ein gemeinsamer Ausdruck mehrere Verbindungen trägt, die unterschiedliche Lesarten oder grammatische Passungen verlangen. Die sprachliche Verdichtung lässt ihre verdeckte Asymmetrie hörbar werden. Ein eigenes Profil ist nur mit offengelegter Abgrenzung zur Syllepse sinnvoll; die Traditionen dürfen nicht als einheitliches System ausgegeben werden.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Beim Zeugma wird ein gemeinsames Satzglied, häufig ein Verb, zugleich auf mehrere koordinierte Glieder bezogen, obwohl seine Bedeutung oder grammatische Passung nicht bei allen Verbindungen gleich ist. Die Spannung kann gering sein oder einen überraschenden Bruch erzeugen, etwa wenn ein Verb einmal wörtlich und einmal übertragen verstanden werden muss. Zeugma verdichtet Ausdruck, zwingt aber die Lesenden, die gemeinsame Form in unterschiedliche semantische Rahmen einzupassen. Die Denkbewegung folgt vom sichtbaren Regens zu jedem abhängigen Glied, vergleicht die jeweils nötige Lesart und bestimmt, ob die Asymmetrie als Fehler, Ellipse oder bewusst gesetzte Figur wirkt.

Denkbewegung

1. Das gemeinsame regierende Element und alle von ihm abhängigen Glieder werden identifiziert. 2. Für jede Verbindung werden grammatische Passung und erforderliche Wortbedeutung bestimmt. 3. Wörtliche, übertragene oder kollokativ verschiedene Lesarten werden miteinander kontrastiert. 4. Kontext und Genre zeigen, ob die Asymmetrie unauffällig, komisch oder pointiert wirkt. 5. Eine Gegenprobe mit wiederholtem Verb macht Verdichtung und stilistischen Bruch sichtbar.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Stilistik, Korpuslinguistik und Übersetzungsanalyse untersuchen Zeugmata als Schnittstelle von Ellipse, Koordination und Polysemie. Analysen sollten historische Bedeutungen und sprachspezifische Kollokationen berücksichtigen.

Beispiel

„Sie öffnete die Tür und ihm die Augen.“ Das gemeinsame Verb verbindet im ersten Teil eine konkrete Handlung, im zweiten eine idiomatische Erkenntnisbewegung. Die ausgelassene Wiederholung lässt beide Ebenen aufeinanderprallen.

Gegenbeispiel

Nicht jede koordinierte Ergänzung eines Verbs ist ein Zeugma. Wenn das Verb in derselben Bedeutung und Konstruktion problemlos auf alle Glieder passt, liegt gewöhnliche Koordination ohne markante semantische Spannung vor.

Abgrenzung

Von gewöhnlicher Koordination, Syllepse in enger grammatischer Terminologie und bloßer Verbellipse unterscheiden. Als rhetorisches Zeugma ist besonders die auffällige semantische oder konstruktive Ungleichheit der Bezüge entscheidend.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Das Zeugma spart Wiederholung und erzeugt zugleich eine semantische Kippbewegung. Es kann Witz, Ironie, Verdichtung oder eine überraschende Verbindung weit entfernter Erfahrungsbereiche hervorbringen.

Resonanz

Ein einziges Verb spannt sich über zwei Bedeutungsräume. Während seine Form gleich bleibt, verändert jeder Anschluss seinen Klang und macht die Distanz der verbundenen Dinge spürbar.

Etymologie

internationaler Fachterminus · Einzelgenealogie in der Vertiefung

Provenienz

Rhetorik/Stilistik → Mehrfachbindung → Quellenabgleich → ATLAS_133

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Zeugma“. Atlas der Sprache, AT-133-036. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-133-036

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Historischer Hintergrund

Quintilians Institutio oratoria bietet einen passenden antiken Zeugen für die gemeinsame grammatische Bindung mehrerer Glieder (IX.3.62–64). In der gelesenen englischen Übersetzung beschreibt er unter dem Ausdruck epezeugmenon mehrere Glieder, die durch dasselbe Verb vervollständigt werden. Dieses kann am Anfang, am Ende oder zwischen den von ihm abhängigen Gliedern stehen. Die Passage ist damit für unser Zeugmaprofil sachlich einschlägig; sie belegt aber nicht, dass alle späteren Verwendungen des Namens Zeugma dieselben Grenzen haben. Quintilian diskutiert anschließend auch Geschlechts- und Numerusbezüge sowie unterschiedliche Konstruktionen. Er bezweifelt bei sehr gewöhnlichen Verbindungen, dass sie schon den Kunstcharakter einer Figur beanspruchen können. So führt der historische Abschnitt zu einer entscheidenden Gegenprobe: Gemeinsame Bindung muss nicht komisch sein und muss keine doppelte Wortbedeutung erzeugen. Ob sie als auffällige Figur wirkt, ist eine weitere Frage. Die hier gelesene Übersetzung ersetzt weder einen lateinischen Editionsvergleich noch die Geschichte des deutschen Fachworts.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Wir schreiben das gemeinsame Satzglied versuchsweise bei jedem abhängigen Glied erneut hin. Was dadurch sichtbar wird, ist seine grammatische Reichweite. Danach prüfen wir getrennt, ob sich seine Bedeutung verändert. Im eigenen Beispiel „Sie öffnete die Tür und die Diskussion“ verbindet dieselbe Verbform einen konkreten und einen übertragenen Gebrauch. Der Bedeutungswechsel kommt zur gemeinsamen Bindung hinzu; er ist nicht deren notwendige Voraussetzung.