ATLAS DER SPRACHE

AT-134-026 · ATLAS 260

Syllepse

Verknüpfung eines Ausdrucks mit mehreren Satzteilen, obwohl Form oder Bedeutung nicht zu allen gleich passt.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Syllepse lenkt den Blick auf die unterschiedliche grammatische oder semantische Passung eines gemeinsamen Ausdrucks. Damit kann sie ein begründetes Analyseprofil neben Zeugma bilden, sofern die gewählte Begriffsverwendung genannt wird. Die englische Hauptbenennung und die Grenze zwischen grammatischer und semantischer Verwendung bleiben gebündelt zu prüfen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Gemeinsamer Profilinhalt und historische Zugänge

Die folgenden Benennungen sind in dem hier behandelten Sinn mit diesem Profil gebündelt; ihre bisherigen IDs bleiben als Zugänge erhalten. Andere historische Verwendungen werden dadurch nicht gleichgesetzt.

Vertiefung

Syllepse bezeichnet die Verbindung eines einzigen Ausdrucks mit mehreren Satzteilen, obwohl er grammatisch oder semantisch nicht zu allen in derselben Weise passt. In einer grammatischen Syllepse kann Kongruenz sich nur nach einem von mehreren Bezügen richten; in semantischer Verwendung verlangt das gemeinsame Wort unterschiedliche Lesarten. Die Terminologie überschneidet sich historisch mit Zeugma und wird in Traditionen verschieden abgegrenzt. Deshalb muss jede Analyse erklären, welche Definition sie verwendet. Die Denkbewegung verfolgt den gemeinsamen Ausdruck zu jedem Bezug, bestimmt die jeweilige Passung und untersucht, ob die entstehende Ungleichheit als Verdichtung, Witz, Normabweichung oder reguläre Konstruktion funktioniert.

Denkbewegung

1. Der einmal realisierte Ausdruck und sämtliche von ihm abhängigen Satzteile werden identifiziert. 2. Für jeden Bezug werden grammatische Merkmale und erforderliche Bedeutungslesart bestimmt. 3. Ungleichheiten in Kongruenz, Konstruktion oder Semantik werden getrennt beschrieben. 4. Historische Norm, Genre und Kontext entscheiden, ob die Spannung rhetorisch markiert ist. 5. Die verwendete Abgrenzung zu Zeugma wird ausdrücklich benannt und konsequent angewandt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Grammatikgeschichte, Stilistik und Übersetzungsforschung untersuchen Syllepsen an der Grenze von Kongruenz und Polysemie. Wegen schwankender Terminologie müssen Befund und Definitionswahl getrennt dokumentiert werden.

Beispiel

Ein gemeinsames Verb verbindet zunächst einen konkreten Gegenstand, danach eine abstrakte Verpflichtung und verlangt dabei zwei verschiedene Lesarten. Die einmalige Form hält beide Verbindungen sichtbar zusammen.

Gegenbeispiel

Eine normale Koordination mit einem Verb in derselben Form und Bedeutung ist keine Syllepse. Auch reguläre Sammelkongruenz sollte nicht als Figur gelten, wenn das Sprachsystem sie ohne wahrnehmbare Spannung lizenziert.

Abgrenzung

Von Zeugma nur innerhalb einer offengelegten Terminologie unterscheiden, da beide historisch überlappen. Im engeren Gebrauch betont Syllepse häufig grammatische Inkongruenz, Zeugma eher semantisch ungleiche Bezüge.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Syllepse verdichtet mehrere syntaktische oder semantische Beziehungen in einer einzigen Form. Die ungleiche Passung kann Überraschung, Komik und erhöhte Aufmerksamkeit auf grammatische Erwartung erzeugen.

Resonanz

Ein Ausdruck greift zugleich in zwei verschiedene Beziehungen und verändert sich in jeder gedanklich. Seine sichtbare Einheit hält eine doppelte grammatische oder semantische Spannung aus.

Etymologie

Fachterminus; Etymologie im Quellenpass zu vertiefen

Provenienz

Rhetorik/Stilistik → Mehrfachbindung → Quellenabgleich → ATLAS_134

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Syllepse“. Atlas der Sprache, AT-134-026. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-134-026

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-134-026

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Bullinger unterscheidet 1898 zwei Verwendungen von Syllepsis, die unser breit gefasstes Syllepseprofil nicht unbemerkt zusammenziehen sollte. Auf S.296 behandelt er die einmalige Verwendung eines Ausdrucks, der in seinen verschiedenen Bezügen unterschiedliche Bedeutungen annimmt. Auf S.701 beschreibt er dagegen eine grammatische Übereinstimmung, die sich nach dem gemeinten Inhalt statt ausschließlich nach der Wortform richtet; er verknüpft diese Diskussion auch mit Zeugma. Die gemeinsame Bezeichnung dokumentiert eine historische Mehrfachverwendung, keine einfache Identität der Operationen. Für den Atlas bleibt deshalb offen zu legen, ob an einer Stelle die Bedeutung wechselt oder ob die grammatische Kongruenz verschieden ausfällt. Die historische Quelle erlaubt diesen Diagnoseunterschied, belegt aber noch keine eigenständige Begriffsgrenze zwischen unseren IDs Syllepse und Syllepsis. Insbesondere die bestehende englische Lemmaform Syllepse ist hier nicht verifiziert: Bullingers Artikel verwendet Syllepsis. Ohne weiteren Lemmanachweis wird die Form weder bestätigt noch stillschweigend ersetzt.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Wir prüfen Form und Bedeutung in zwei getrennten Durchgängen. Im eigenen Beispiel „Er verlor den Schlüssel und die Geduld“ bleibt die grammatische Verbindung intakt, während „verlieren“ verschieden verstanden wird. Daraus folgt noch kein Kongruenzfehler. Erst ein tatsächlicher Konflikt zwischen Wortform und gemeintem Bezug eröffnet die zweite Diagnose. Die Trennung der beiden Atlasprofile braucht weiterhin eine begründete redaktionelle Entscheidung.