Vertiefung
Polysemie liegt vor, wenn ein Ausdruck mehrere miteinander verbundene Bedeutungen besitzt. Diese Bedeutungen bilden keine beliebige Liste: Eine räumliche Bedeutung kann metaphorisch auf Zeit übertragen, eine Handlung auf ihr Ergebnis oder ein Gegenstand auf seine Funktion erweitert werden. Beim Wort „Maus“ verbindet die wahrgenommene Form das Tier historisch mit dem Computergerät; im aktuellen Gebrauch sind beide Lesarten konventionalisiert. Kontext aktiviert gewöhnlich eine passende Bedeutung, kann aber auch mehrere zugleich in Reichweite halten. Polysemie zeigt damit, dass Wortbedeutung weder ein starrer Kern noch grenzenlose Beliebigkeit ist. Sie ist ein gegliedertes, historisch gewachsenes Netz, dessen innere Verbindung lexikografisch begründet werden muss.
Denkbewegung
1. Ein identischer Ausdruck erscheint in deutlich verschiedenen Verwendungszusammenhängen. 2. Die jeweiligen Lesarten werden getrennt beschrieben, ohne vorschnell verschiedene Wörter anzusetzen. 3. Historische, metaphorische oder funktionale Übergänge machen mögliche Verbindungen zwischen ihnen sichtbar. 4. Kontexttests prüfen, welche Lesart aktiviert wird und ob mehrere zugleich wirksam bleiben. 5. Der Ausdruck kehrt als Bedeutungsnetz zurück, das Einheit und Unterschied miteinander vermittelt.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Korpusanalysen können Kollokationen und syntaktische Muster einzelner Lesarten clustern; psycholinguistische Experimente messen Aktivierung und Verarbeitungsaufwand. Historische Belege prüfen, ob angenommene Bedeutungsbrücken zeitlich tatsächlich getragen werden.
Beispiel
Maus: Tier / Computergerät „Der Fluss hat ein breites Bett“ und „das Kind liegt im Bett“ aktivieren verbundene, aber unterscheidbare Lesarten. Der Kontext löst sie meist auf, während ein Wortspiel beide bewusst koppeln kann.
Gegenbeispiel
Maus: Tier / Bankinstitut Gleichlautende Formen ohne nachvollziehbare Bedeutungsverbindung werden besser als Homonyme analysiert, etwa „Bank“ als Sitzmöbel und Geldinstitut. Bloße kontextuelle Präzisierung einer einzigen vagen Bedeutung ist ebenfalls nicht notwendig Polysemie.
Abgrenzung
Von Homonymie, Vagheit und Ambiguität unterscheiden. Homonyme teilen Form ohne angenommene Bedeutungsverwandtschaft, Vagheit lässt Grenzen offen, und Ambiguität ist der umfassendere Zustand mehrerer möglicher Auslegungen.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Polysemie macht Wörter zu beweglichen Knoten, die verwandte Erfahrungsbereiche verbinden und je nach Kontext unterschiedliche Wege der Auslegung öffnen.
Resonanz
Frühere und gegenwärtige Lesarten klingen im selben Wortkörper mit; der Kontext verstärkt eine Stimme, ohne das Bedeutungsnetz ganz zum Schweigen zu bringen.
Etymologie
griech. polýs „viel“ + sêma „Zeichen“
Provenienz
Antike Bedeutungslehre → historische Semantik → Prototypen- und Frameansätze
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Polysemie“. Atlas der Sprache, AT-SEM-0002. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-SEM-0002Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Bréals Darstellung beginnt mit Koexistenz: Eine neue Bedeutung muss den früheren Gebrauch eines Worts nicht löschen. Die englische Übersetzung von 1900 bezeichnet diese Vervielfachung als polysemia, das französische Kapitel als polysémie. Beispiele wie root zwischen Pflanzenwelt und Fachgebieten zeigen Diversifizierung statt bloßer Ersetzung. Die französische Erörterung erklärt außerdem, warum eine Situation eine Lesart hervorheben kann, ohne dass Sprecher alle Wörterbuchbedeutungen mitdenken. Das garantiert nicht universell, dass Kontext Mehrdeutigkeit beseitigt. Bréals indirekte Polysemie warnt vor unmittelbaren Bedeutungssprüngen, wenn Zwischenableitungen nötig sind. Seine kulturhierarchischen Wertungen übernimmt der Atlas nicht. Analytisch sind Beziehungen zwischen Lesarten zu rekonstruieren, ohne eine unveränderte Kernbedeutung zu erfinden. Das moderne englische polysemy wird weder durch das französische Lemma noch automatisch durch die Übersetzerschreibung datiert; OCR-Lücken bleiben offen.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Polysemie ist die koexistierende, historisch relationierte Mehrdeutigkeit eines Ausdrucks; Kontextauswahl löscht das Bedeutungsinventar nicht, und vermutete Übergänge benötigen belegte Zwischenstufen.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Michel Bréal, Essai de sémantique, Paris: Hachette, 1897, Chapter XIV, pp. 154–162; Wikisource transcription · Chapter XIV: coexistence of meanings; context; indirect polysemy
French transcription read, not fully collated against the scan. French polysémie is not an English first attestation. Bréal’s cultural hierarchy is a historical judgment, not endorsed.
- Michel Bréal, Semantics: Studies in the Science of Meaning, translated by Mrs. Henry Cust, preface by J. P. Postgate, 1900; Internet Archive item semanticsstudie01postgoog, OCR witness · Chapter XIV, readable opening on pp. 139–140; compare French Chapter XIV, pp. 154–162
Selected English OCR passages read, not collated against page images. The OCR title page says New York: Henry Holt, MDCCCC; the item catalogue says London: Heinemann. This discrepancy is retained for facsimile review. OCR omits or corrupts parts of the text; only readable passages are used. Postgate’s preface is not attributed to Bréal. No English first-use claim from this translation.