Vertiefung
Monosemie bezeichnet die Annahme oder Eigenschaft, dass ein Ausdruck eine einzige konventionelle Kernbedeutung besitzt. Unterschiedliche Lesarten werden dann nicht als mehrere gespeicherte Bedeutungen angesetzt, sondern aus Kontext, Weltwissen, Konstruktion oder allgemeinen Schlussprozessen hergeleitet. Der Ansatz kann ein Lexikon sparsamer machen, darf Unterschiede jedoch nicht wegdefinieren. Entscheidend ist, ob eine hinreichend bestimmte gemeinsame Bedeutung alle Verwendungen erklärt und die beobachteten Interpretationen regelhaft ableitbar bleiben. Die Denkbewegung sucht daher zunächst Invarianz, konstruiert Ableitungswege und setzt Monosemie nur dort an, wo Gegenbeispiele, Kontraste und Sprecherurteile nicht doch getrennte Bedeutungen verlangen.
Denkbewegung
1. Verschiedene Verwendungen eines Ausdrucks werden ohne vorschnelle Bedeutungsaufspaltung gesammelt. 2. Ein möglichst bestimmter gemeinsamer semantischer Kern wird als Arbeitshypothese formuliert. 3. Kontext, Konstruktion und Weltwissen sollen die einzelnen Lesarten regelhaft ableiten. 4. Ambiguitätsdiagnosen und unvereinbare Folgerungen prüfen die Belastbarkeit der Einheitshypothese. 5. Nur bei ausreichender Erklärungskraft wird eine einzige konventionelle Bedeutung angenommen.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Lexikalische Semantik, Lexikographie und Computerlinguistik vergleichen monoseme mit polysemen Modellen anhand von Korpusmustern, Kompositionalität und Sprecherurteilen. Sparsamkeit muss gegen empirische Trennschärfe abgewogen werden.
Beispiel
Ein Verb erscheint in räumlichen und abstrakten Kontexten. Die Analyse prüft, ob beide Verwendungen aus einem gemeinsamen Relationskern plus Kontext ableitbar sind, statt sofort zwei Lexikoneinträge anzusetzen.
Gegenbeispiel
Eine extrem abstrakte Paraphrase, die kaum noch Vorhersagen macht, beweist keine Monosemie. Wenn Lesarten unterschiedliche grammatische Muster, widersprüchliche Folgerungen oder unabhängige historische Entwicklungen zeigen, kann echte Polysemie vorliegen.
Abgrenzung
Von Polysemie, Homonymie und bloßer Bedeutungsarmut unterscheiden. Monosemie ist häufig eine Analysehypothese über konventionelle Kodierung und nicht die Behauptung, ein Ausdruck könne nur eine konkrete Interpretation haben.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Monoseme Analysen lenken Aufmerksamkeit auf produktive Kontextleistung und gemeinsame Strukturen hinter variierenden Lesarten. Sie verhindern ein unnötig fragmentiertes Lexikon, riskieren aber Überabstraktion.
Resonanz
Eine Bedeutung bleibt durch wechselnde Kontexte hindurch als Grundton hörbar. Die verschiedenen Lesarten erscheinen als Antworten der Umgebung auf denselben semantischen Impuls.
Etymologie
internationaler Fachterminus · Einzelgenealogie in der Vertiefung
Provenienz
Semantik → Bedeutungszahl → Quellenabgleich → ATLAS_133
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Monosemie“. Atlas der Sprache, AT-133-017. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-133-017Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Bréals Behandlung eingeschränkter Bedeutung zeigt, weshalb ein Wort in einem bestimmten Austausch sehr eng verstanden werden kann, obwohl seine weitere Geschichte mehrere Verwendungen kennt. Das ist eine nützliche Gegenfolie zur Monosemie, aber kein Beleg dafür, dass kontextuelle Eindeutigkeit ein Wort insgesamt einbedeutig macht. Der Atlas muss die lexikalische Behauptung über die Zahl konventioneller Bedeutungen von der Frage trennen, welche Bedeutung ein Hörer hier und jetzt auswählt. Sonst würde jede gelungene Disambiguierung irreführend als Monosemie gelten. Die historische Diskussion stützt diese Trennung mittelbar durch ihre Analyse spezialisierten und kontextuellen Gebrauchs. Sie belegt weder das genaue englische Fachsubstantiv noch ein modernes Verfahren zur Zählung von Bedeutungen. Beides bleibt besonders dort zu ergänzen, wo Fachkonventionen innerhalb eines definierten Bereichs Eindeutigkeit anstreben.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Monosemie ist eine Aussage über das konventionelle Bedeutungssystem eines Ausdrucks, nicht bloß über seine eindeutige Interpretation in einer einzelnen Situation.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Michel Bréal, Semantics: Studies in the Science of Meaning, translated by Mrs. Henry Cust, preface by J. P. Postgate, 1900; Internet Archive item semanticsstudie01postgoog, OCR witness · Chapter X: situationally restricted interpretation; contrast with the work’s account of multiple meanings
Selected passage, not a complete genealogy or an English first-attestation claim. Original Atlas applications are editorial interpretations, not reported experiments. Selected English OCR passages read, not collated against page images. The OCR title page says New York: Henry Holt, MDCCCC; the item catalogue says London: Heinemann. This discrepancy is retained for facsimile review. OCR omits or corrupts parts of the text; only readable passages are used. Postgate’s preface is not attributed to Bréal. No English first-use claim from this translation.