ATLAS DER SPRACHE

AT-133-017 · ATLAS 260

Monosemie

Analyse oder Eigenschaft, nach der ein Ausdruck eine einzige konventionelle Kernbedeutung besitzt.

Teil des Themenwegs Semantik und Zeichen

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Monosemie prüft die Annahme eines gemeinsamen konventionellen Gehalts hinter verschiedenen Interpretationen. Der Eintrag bildet eine Gegenprobe zur Aufspaltung in Polysemie, ohne eine einzige Kodierung mit nur einer möglichen Verwendung zu verwechseln.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Monosemie bezeichnet die Annahme oder Eigenschaft, dass ein Ausdruck eine einzige konventionelle Kernbedeutung besitzt. Unterschiedliche Lesarten werden dann nicht als mehrere gespeicherte Bedeutungen angesetzt, sondern aus Kontext, Weltwissen, Konstruktion oder allgemeinen Schlussprozessen hergeleitet. Der Ansatz kann ein Lexikon sparsamer machen, darf Unterschiede jedoch nicht wegdefinieren. Entscheidend ist, ob eine hinreichend bestimmte gemeinsame Bedeutung alle Verwendungen erklärt und die beobachteten Interpretationen regelhaft ableitbar bleiben. Die Denkbewegung sucht daher zunächst Invarianz, konstruiert Ableitungswege und setzt Monosemie nur dort an, wo Gegenbeispiele, Kontraste und Sprecherurteile nicht doch getrennte Bedeutungen verlangen.

Denkbewegung

1. Verschiedene Verwendungen eines Ausdrucks werden ohne vorschnelle Bedeutungsaufspaltung gesammelt. 2. Ein möglichst bestimmter gemeinsamer semantischer Kern wird als Arbeitshypothese formuliert. 3. Kontext, Konstruktion und Weltwissen sollen die einzelnen Lesarten regelhaft ableiten. 4. Ambiguitätsdiagnosen und unvereinbare Folgerungen prüfen die Belastbarkeit der Einheitshypothese. 5. Nur bei ausreichender Erklärungskraft wird eine einzige konventionelle Bedeutung angenommen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Lexikalische Semantik, Lexikographie und Computerlinguistik vergleichen monoseme mit polysemen Modellen anhand von Korpusmustern, Kompositionalität und Sprecherurteilen. Sparsamkeit muss gegen empirische Trennschärfe abgewogen werden.

Beispiel

Ein Verb erscheint in räumlichen und abstrakten Kontexten. Die Analyse prüft, ob beide Verwendungen aus einem gemeinsamen Relationskern plus Kontext ableitbar sind, statt sofort zwei Lexikoneinträge anzusetzen.

Gegenbeispiel

Eine extrem abstrakte Paraphrase, die kaum noch Vorhersagen macht, beweist keine Monosemie. Wenn Lesarten unterschiedliche grammatische Muster, widersprüchliche Folgerungen oder unabhängige historische Entwicklungen zeigen, kann echte Polysemie vorliegen.

Abgrenzung

Von Polysemie, Homonymie und bloßer Bedeutungsarmut unterscheiden. Monosemie ist häufig eine Analysehypothese über konventionelle Kodierung und nicht die Behauptung, ein Ausdruck könne nur eine konkrete Interpretation haben.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Monoseme Analysen lenken Aufmerksamkeit auf produktive Kontextleistung und gemeinsame Strukturen hinter variierenden Lesarten. Sie verhindern ein unnötig fragmentiertes Lexikon, riskieren aber Überabstraktion.

Resonanz

Eine Bedeutung bleibt durch wechselnde Kontexte hindurch als Grundton hörbar. Die verschiedenen Lesarten erscheinen als Antworten der Umgebung auf denselben semantischen Impuls.

Etymologie

internationaler Fachterminus · Einzelgenealogie in der Vertiefung

Provenienz

Semantik → Bedeutungszahl → Quellenabgleich → ATLAS_133

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Monosemie“. Atlas der Sprache, AT-133-017. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-133-017

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-133-017

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Bréals Behandlung eingeschränkter Bedeutung zeigt, weshalb ein Wort in einem bestimmten Austausch sehr eng verstanden werden kann, obwohl seine weitere Geschichte mehrere Verwendungen kennt. Das ist eine nützliche Gegenfolie zur Monosemie, aber kein Beleg dafür, dass kontextuelle Eindeutigkeit ein Wort insgesamt einbedeutig macht. Der Atlas muss die lexikalische Behauptung über die Zahl konventioneller Bedeutungen von der Frage trennen, welche Bedeutung ein Hörer hier und jetzt auswählt. Sonst würde jede gelungene Disambiguierung irreführend als Monosemie gelten. Die historische Diskussion stützt diese Trennung mittelbar durch ihre Analyse spezialisierten und kontextuellen Gebrauchs. Sie belegt weder das genaue englische Fachsubstantiv noch ein modernes Verfahren zur Zählung von Bedeutungen. Beides bleibt besonders dort zu ergänzen, wo Fachkonventionen innerhalb eines definierten Bereichs Eindeutigkeit anstreben.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Monosemie ist eine Aussage über das konventionelle Bedeutungssystem eines Ausdrucks, nicht bloß über seine eindeutige Interpretation in einer einzelnen Situation.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.