ATLAS DER SPRACHE

AT-CORE-238-020 · ATLAS 260

Phraseologismus

Mehrgliedrige, relativ feste Verbindung mit konventionalisierter Form und Bedeutung.

Teil des Themenwegs Semantik und Zeichen

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Phraseologismus erschließt konventionelle Mehrgliedrigkeit zwischen frei gebildeter Verbindung und einzelnem Lexem. Relative Festigkeit und verschiedene Grade der Bedeutungsdurchsichtigkeit grenzen ihn von ausschließlich satzwertigen Sprichwörtern ab.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ein Phraseologismus ist eine mehrgliedrige, relativ feste sprachliche Verbindung, deren Form und Bedeutung innerhalb einer Gemeinschaft konventionalisiert sind. Seine Gesamtbedeutung kann vollständig bildhaft und nicht aus den Einzelwörtern berechenbar sein, sie kann aber auch nur eine bevorzugte Kollokation oder pragmatische Routine darstellen. Sprechende rufen mit ihm kein frei zusammengesetztes Gebilde ab, sondern eine wiedererkennbare Einheit, die dennoch grammatisch verändert, aktualisiert und spielerisch gebrochen werden kann. Phraseologismen bewahren kulturelle Bilder und soziale Gebrauchsspuren; gerade deshalb altern sie, wandern zwischen Registern und erschweren Übersetzungen. Der Begriff macht sichtbar, wie wiederholter Gebrauch einzelne Wörter zu einem gemeinsamen sprachlichen Handlungsmuster bindet.

Denkbewegung

1. Mehrere Wörter treten zunächst wiederholt in ähnlichen Situationen und in bevorzugter Reihenfolge miteinander auf. 2. Der gemeinschaftliche Gebrauch stabilisiert ihre Verbindung und lagert eine wiedererkennbare Gesamtbedeutung oder Funktion ein. 3. Sprechende greifen auf die Einheit zurück, variieren sie begrenzt und aktivieren zugleich ihre kulturellen Gebrauchsspuren. 4. Die Gegenprobe prüft Festigkeit, Idiomatizität und tatsächliche Konventionalisierung gegenüber einer nur zufälligen Wortfolge. 5. Die Wortgruppe kehrt als gespeichertes, aber bewegliches Muster zurück, das individuelle Rede mit kollektivem Gedächtnis verbindet.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Phraseologie und Korpuslinguistik können Kookkurrenz, Festigkeit, Variation, Register und diachronen Wandel messen. Übersetzungsforschung prüft, ob Bild, kommunikative Funktion oder kulturelle Markierung durch eine Zielwendung erhalten werden.

Beispiel

Die Wendung »einen Faden aufnehmen« kann in einer Diskussion bedeuten, an einen früheren Gedanken anzuschließen; ein Autor verändert sie zu »den verlorenen Faden neu verspinnen« und macht das Muster sichtbar.

Gegenbeispiel

Die Verbindung »ein neues blaues Heft« ist in einem einzelnen Satz verständlich, aber frei zusammengesetzt und austauschbar. Ohne nachweisbare Festigkeit oder konventionalisierte Funktion ist sie kein Phraseologismus.

Abgrenzung

Von freier Wortgruppe, Sprichwort, Kollokation, Idiom und Routineformel unterscheiden. Phraseologismus ist der Oberbereich; Idiomatizität und Satzwert sind je nach Untertyp verschieden ausgeprägt.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Phraseologismen verdichten Erfahrung und machen Rede idiomatisch sowie erinnerbar; unbekannte oder erstarrte Wendungen können jedoch Verständnis hemmen und soziale Zugehörigkeit markieren.

Resonanz

Viele frühere Verwendungen klingen in einer festen Wendung mit; jede neue Äußerung nimmt diesen Sprachstrom auf und kann seine Richtung leicht verändern.

Etymologie

fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen

Provenienz

Offenes Beziehungsnetz → Grundbegriffsprüfung → Metzler/HWRh-Abgleich → ATLAS_238

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Phraseologismus“. Atlas der Sprache, AT-CORE-238-020. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-238-020

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-238-020

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Der Cours behandelt fertige Wendungen als überlieferte Ressourcen, deren Gebrauch nicht jeweils völlig frei neu zusammengesetzt wird. Gleichzeitig erklärt er produktive Muster durch erinnerte sprachliche Exemplare und räumt eine unscharfe Grenze zwischen langue und parole ein. Damit werden mehrgliedrige Einheiten zwischen isoliertem Wort und frei gebautem Satz theoretisch relevant. Die Quelle bietet aber keine vollständige spätere Phraseologismustaxonomie und keinen Erstbeleg des englischen Fachausdrucks. Festigkeit muss im Atlas als abgestufte Eigenschaft mit zulässiger Variation untersucht werden.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Phraseologische Festigkeit kann abgestuft sein, ohne die Einheit auf einen unteilbaren Block zu reduzieren.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.