Vertiefung
Ein Phraseologismus ist eine mehrgliedrige, relativ feste sprachliche Verbindung, deren Form und Bedeutung innerhalb einer Gemeinschaft konventionalisiert sind. Seine Gesamtbedeutung kann vollständig bildhaft und nicht aus den Einzelwörtern berechenbar sein, sie kann aber auch nur eine bevorzugte Kollokation oder pragmatische Routine darstellen. Sprechende rufen mit ihm kein frei zusammengesetztes Gebilde ab, sondern eine wiedererkennbare Einheit, die dennoch grammatisch verändert, aktualisiert und spielerisch gebrochen werden kann. Phraseologismen bewahren kulturelle Bilder und soziale Gebrauchsspuren; gerade deshalb altern sie, wandern zwischen Registern und erschweren Übersetzungen. Der Begriff macht sichtbar, wie wiederholter Gebrauch einzelne Wörter zu einem gemeinsamen sprachlichen Handlungsmuster bindet.
Denkbewegung
1. Mehrere Wörter treten zunächst wiederholt in ähnlichen Situationen und in bevorzugter Reihenfolge miteinander auf. 2. Der gemeinschaftliche Gebrauch stabilisiert ihre Verbindung und lagert eine wiedererkennbare Gesamtbedeutung oder Funktion ein. 3. Sprechende greifen auf die Einheit zurück, variieren sie begrenzt und aktivieren zugleich ihre kulturellen Gebrauchsspuren. 4. Die Gegenprobe prüft Festigkeit, Idiomatizität und tatsächliche Konventionalisierung gegenüber einer nur zufälligen Wortfolge. 5. Die Wortgruppe kehrt als gespeichertes, aber bewegliches Muster zurück, das individuelle Rede mit kollektivem Gedächtnis verbindet.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Phraseologie und Korpuslinguistik können Kookkurrenz, Festigkeit, Variation, Register und diachronen Wandel messen. Übersetzungsforschung prüft, ob Bild, kommunikative Funktion oder kulturelle Markierung durch eine Zielwendung erhalten werden.
Beispiel
Die Wendung »einen Faden aufnehmen« kann in einer Diskussion bedeuten, an einen früheren Gedanken anzuschließen; ein Autor verändert sie zu »den verlorenen Faden neu verspinnen« und macht das Muster sichtbar.
Gegenbeispiel
Die Verbindung »ein neues blaues Heft« ist in einem einzelnen Satz verständlich, aber frei zusammengesetzt und austauschbar. Ohne nachweisbare Festigkeit oder konventionalisierte Funktion ist sie kein Phraseologismus.
Abgrenzung
Von freier Wortgruppe, Sprichwort, Kollokation, Idiom und Routineformel unterscheiden. Phraseologismus ist der Oberbereich; Idiomatizität und Satzwert sind je nach Untertyp verschieden ausgeprägt.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Phraseologismen verdichten Erfahrung und machen Rede idiomatisch sowie erinnerbar; unbekannte oder erstarrte Wendungen können jedoch Verständnis hemmen und soziale Zugehörigkeit markieren.
Resonanz
Viele frühere Verwendungen klingen in einer festen Wendung mit; jede neue Äußerung nimmt diesen Sprachstrom auf und kann seine Richtung leicht verändern.
Etymologie
fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen
Provenienz
Offenes Beziehungsnetz → Grundbegriffsprüfung → Metzler/HWRh-Abgleich → ATLAS_238
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Phraseologismus“. Atlas der Sprache, AT-CORE-238-020. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-238-020Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Der Cours behandelt fertige Wendungen als überlieferte Ressourcen, deren Gebrauch nicht jeweils völlig frei neu zusammengesetzt wird. Gleichzeitig erklärt er produktive Muster durch erinnerte sprachliche Exemplare und räumt eine unscharfe Grenze zwischen langue und parole ein. Damit werden mehrgliedrige Einheiten zwischen isoliertem Wort und frei gebautem Satz theoretisch relevant. Die Quelle bietet aber keine vollständige spätere Phraseologismustaxonomie und keinen Erstbeleg des englischen Fachausdrucks. Festigkeit muss im Atlas als abgestufte Eigenschaft mit zulässiger Variation untersucht werden.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Phraseologische Festigkeit kann abgestuft sein, ohne die Einheit auf einen unteilbaren Block zu reduzieren.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Ferdinand de Saussure, Cours de linguistique générale (1916), edited by Charles Bally and Albert Sechehaye with Albert Riedlinger; French text in the 1971 Payot printing, Wikisource transcription · Second Part, Chapter V, §2: locutions toutes faites and the boundary of langue/parole
The original editorial preface and named French sections were read. The Cours is a posthumous editorial reconstruction from lectures, not Saussure’s completed manuscript. Later prefatory material is not treated as a 1916 witness. No English first-attestation claim; no full collation of the transcription with the first edition.