Vertiefung
Antanaklasis wiederholt dasselbe Wort oder dieselbe Lautgestalt in deutlich verschiedener Bedeutung. Die Form erzeugt zunächst Kontinuität, während der zweite Gebrauch den semantischen Boden wechselt. Dadurch kann ein Argument zugespitzt, ein Slogan einprägsam oder eine scheinbare Selbstverständlichkeit ironisch gebrochen werden. Entscheidend ist echte Bedeutungsdifferenz bei wahrnehmbarer Formgleichheit; bloße Wiederholung derselben Lesart genügt nicht. Homonymie und Polysemie liefern häufig das Material, doch die rhetorische Figur entsteht erst durch ihre inszenierte Nachbarschaft. Die Denkbewegung hält an einem Wort fest, löst seine erste Bedeutung und lässt es im zweiten Auftreten mit einer anderen Funktion zurückkehren.
Denkbewegung
1. Ein Wort erscheint zunächst in einem Kontext, der eine bestimmte Bedeutung oder Lesart aktiviert. 2. Dasselbe Wort wird in enger Nachbarschaft wiederholt und weckt die Erwartung semantischer Kontinuität. 3. Der neue Kontext erzwingt jedoch eine andere Bedeutung und macht die Verschiebung rückwirkend sichtbar. 4. Die Gegenprobe prüft bloße Emphase, Flexionsunterschiede und identische Wiederholung ohne semantischen Wechsel. 5. Beide Lesarten bleiben gleichzeitig präsent und erzeugen Pointe, Kontrast oder argumentativen Druck.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Rhetorik, Lexikalsemantik und automatische Wortspielanalyse können identische Formen mit kontextuell verschiedenen Sense-Zuordnungen annotieren. Rezeptionsstudien prüfen, ob beide Lesarten tatsächlich aktiviert werden.
Beispiel
»Wir brauchen mehr Sinn für den Sinn dieser Regel«, sagt die Moderatorin: Zuerst meint »Sinn« Aufmerksamkeit, im zweiten Auftreten Bedeutung und Zweck.
Gegenbeispiel
»Sehr, sehr leise« wiederholt dasselbe Wort in derselben Bedeutung und ist keine Antanaklasis. Auch zwei nur ähnlich klingende, aber nicht formal identische Wörter gehören eher zur Paronomasie.
Abgrenzung
Von Polyptoton mit verschiedenen Flexionsformen, Paronomasie mit ähnlichem Klang und Epizeuxis als bedeutungsgleicher Sofortwiederholung unterscheiden. Antanaklasis verlangt Formgleichheit bei Bedeutungswechsel.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Die Figur erzeugt mit minimalem Material einen überraschenden Bedeutungswechsel. Sie steigert Memorierbarkeit, kann aber bei unklaren Lesarten wie ein bloßer Kalauer wirken.
Resonanz
Dasselbe Wort kehrt zurück, doch sein innerer Raum hat sich verändert. Die erste Bedeutung klingt weiter, während die zweite sie zugleich beantwortet und verschiebt.
Etymologie
Fachterminus · genealogische Vertiefung in ATLAS_120
Provenienz
Rhetorik/Stilistik → Wiederholungsfiguren → ATLAS_119
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Antanaklasis“. Atlas der Sprache, AT-119-001. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-119-001Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Bullinger verlangt bei Antanaclasis die Wiederholung derselben geschriebenen Wortform mit unterschiedlichen Bedeutungen. Bei Paronomasia können dagegen verschiedene Wörter durch ähnliche Laute oder Schreibweisen verbunden sein. Die Unterscheidung trennt Formwiederkehr und Bedeutungswechsel. Für den Atlas eröffnet sie einen Vergleich zwischen Wortwitz und argumentativer Mehrdeutigkeit: Ein offen erkennbarer Bedeutungswechsel kann zum Mitdenken einladen; ein verdeckter Wechsel kann einen Schluss verfälschen. Dies ist eine Atlasanwendung der historischen Unterscheidung. Die im Handbuch wiedergegebenen Anekdoten werden nicht als unabhängig bestätigte historische Ereignisse behandelt.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Bei wiederkehrender Wortform fragen wir, ob auch die Bedeutung gleich bleibt. Ein offen markierter Wechsel kann ein Wortspiel sein; wird der Wechsel in einer Begründung verdeckt, müssen wir den Schluss neu prüfen. Die rhetorische Figur macht den Schluss weder automatisch falsch noch wahr.