ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR9-0015 · ATLAS 260

Antistasis

Wiederholung desselben Wortes in einer veränderten oder gegensätzlichen Bedeutung.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Antistasis zeigt, wie dasselbe wiederholte Wort gegen seine erste Verwendung gewendet werden kann. Die wiedererkennbare Form bindet die Aussagen zusammen, während der veränderte Sinn eine Gegenbewegung eröffnet – im Dialog ebenso wie innerhalb einer Äußerung.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Antistasis wiederholt dasselbe Wort, lässt aber seine Bedeutung im zweiten Gebrauch wechseln oder in eine gegensätzliche Richtung umschlagen. Die stabile Wortform täuscht zunächst Identität an; der Kontext zwingt anschließend zur Neubestimmung und macht semantische Abhängigkeit unmittelbar erfahrbar. Die Figur kann Begriffe kritisch zurückerobern, Definitionen zuspitzen oder als Wortwitz funktionieren. Sie kann ebenso durch Mehrdeutigkeit einen unzulässigen Schluss verdecken. Die Analyse bestimmt für jedes Vorkommen den jeweils aktivierten Sinn, rekonstruiert den Kontextwechsel und prüft, ob die Pointe den Unterschied erhellt oder eine Äquivokation argumentativ ausnutzt.

Denkbewegung

1. Alle Vorkommen des gleichen Wortkörpers werden markiert und syntaktisch getrennt beschrieben. 2. Für jedes Vorkommen wird aus Kollokation, Kontext und Kontrast ein eigener Sinn bestimmt. 3. Der Übergang zeigt, ob Bedeutung erweitert, eingeengt, umgewertet oder ins Gegenteil gewendet wird. 4. Eine eindeutige Paraphrase prüft, ob die Pointe Erkenntnis schafft oder einen Fehlschluss verbirgt. 5. Die Analyse führt beide Sinne zurück zur gemeinsamen Form und beschreibt ihre produktive Spannung.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Semantik, Lexikographie, Argumentation und politische Begriffsanalyse untersuchen Antistasis mit Sense-Annotation und Paraphrasentest. So lassen sich kritische Umwertung, Sloganbildung und äquivoke Fehlschlüsse unterscheiden.

Beispiel

„Ein Weg ist nicht schon deshalb ein Weg zur Erkenntnis, weil alle ihn Weg nennen.“ Das zweite und dritte „Weg“ wechseln zwischen räumlicher Metapher, Konvention und epistemischem Verfahren.

Gegenbeispiel

Lexikalische Wiederholung bei gleichbleibender Bedeutung, bloße Polysemie oder jedes Wortspiel ist keine Antistasis. Dieselbe Form muss lokal mit erkennbar verändertem oder entgegengesetztem Sinn wiederkehren.

Abgrenzung

Antistasis kann im Dialog wie im Monolog auftreten; ein Sprecherwechsel ist kein notwendiges Definitionsmerkmal. Von Ploce, Polysemie, Diaphora und Paronomasie unterscheiden. Antistasis verlangt die Wiederholung derselben Form mit Bedeutungswechsel; Polysemie ist eine lexikalische Eigenschaft, Paronomasie arbeitet mit ähnlichen Formen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Antistasis macht die Beweglichkeit von Bedeutung sichtbar und kann vertraute Begriffe produktiv irritieren. Zugleich kann sie semantische Unterschiede unter identischer Form verbergen und dadurch Scheinschlüsse begünstigen.

Resonanz

Ein Wortkörper passiert einen Kontextknoten und kehrt semantisch verändert zurück. Die gleiche Form trägt zwei Schwingungen, deren Unterschied erst im Nachhall deutlich wird.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Bedeutungsfiguren → ATLAS_154

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Antistasis“. Atlas der Sprache, AT-HAR9-0015. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR9-0015

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR9-0015

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Bullinger nennt sowohl semantisches Gegeneinanderstehen als auch eine Rechtfertigung durch die schlechtere Folge eines Unterlassens. Diese Beschreibungen erledigen unterschiedliche Aufgaben. Der Beleg ist deshalb besonders für die Geschichte der Klassifikation wichtig: Ein vertrauter Fachname kann gegensätzliche Bedeutungen oder einen kontrafaktischen Vergleich organisieren. Keine dieser Varianten darf ohne Erklärung zur Definition der anderen werden. Für die aktuelle Atlasfassung bleibt die gewählte Reichweite redaktionell zu klären.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Bei einer Rechtfertigung fragen wir, ob die behauptete schlechtere Alternative wirklich wahrscheinlich war. Die Benennung als Figur liefert diesen Nachweis nicht.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • E. W. Bullinger, Figures of Speech Used in the Bible (1898), Cornell scan · PDF p. 343: Antanaclasis and Antistasis

    Selected historical witness, not a complete genealogy or a first English attestation. Atlas comparisons and applications are original editorial interpretations. Uncorrected scan text layer; page numbers are PDF pages. Bullinger’s classifications and theological judgments are historical evidence, not a current consensus.

  • E. W. Bullinger, Figures of Speech Used in the Bible (1898), Cornell scan · PDF p. 343: Antanaclasis and Antistasis

    Selected historical witness, not a complete genealogy or a first English attestation. Atlas comparisons and applications are original editorial interpretations. Uncorrected scan text layer; page numbers are PDF pages. Bullinger’s classifications and theological judgments are historical evidence, not a current consensus.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.