Vertiefung
Paromoeosis verbindet parallel gebaute Satzglieder mit einer weitreichenden Ähnlichkeit ihres Klanges. Nicht nur die syntaktischen Positionen entsprechen einander; auch Endungen, Silbenfolgen oder ganze Lautgruppen können die Glieder akustisch annähern. Dadurch erscheint ein Gedanke zugleich ausgewogen und klanglich zusammengehörig. Die Figur kann Homoioteleuton oder Homoioptoton einschließen, geht aber über eine einzelne gleiche Endung hinaus, wenn mehrere Bestandteile korrespondieren. Ihre Geschlossenheit unterstützt Erinnerung, Zuspitzung und Vergleich. Zugleich kann der Klang eine sachliche Gleichwertigkeit suggerieren, die erst geprüft werden muss: Was ähnlich gebaut und gesprochen ist, besitzt nicht notwendig denselben logischen Rang.
Denkbewegung
1. Zwei oder mehr Aussagen werden in korrespondierende syntaktische Glieder gebracht. 2. Ähnliche Lautfolgen verstärken die wahrgenommene Entsprechung über die Grammatik hinaus. 3. Hörende erwarten weitere Balance und vergleichen die besetzten Positionen miteinander. 4. Eine Gegenprobe trennt klangliche Gleichwertigkeit von sachlicher oder logischer Gleichheit. 5. Die Glieder kehren als akustisch gebundene Denkfigur zurück, in der Form selbst Vergleich organisiert.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Rhetorische Analyse kann syntaktische Positionen, wiederkehrende Phoneme, Endungen und prosodische Realisierung gemeinsam annotieren. Rezeptionsstudien prüfen, ob die doppelte Korrespondenz Erinnerung oder den Eindruck sachlicher Symmetrie verstärkt.
Beispiel
„Wir prüfen die Spuren, wir spüren die Prüfungen.“ Satzbau, Wortlänge und Lautmaterial antworten einander; zugleich verändert die Umstellung die Richtung der Aussage.
Gegenbeispiel
Ein einfacher Parallelismus ohne auffällige Lautentsprechung ist noch keine Paromoeosis. Umgekehrt bilden zwei zufällig ähnlich klingende Wörter ohne korrespondierende Satzstruktur lediglich einen lokalen Gleichklang.
Abgrenzung
Von Parallelismus, Isokolon, Homoioteleuton und Paronomasie unterscheiden. Paromoeosis verbindet Struktur mit ausgedehnter Lautähnlichkeit; gleiche Länge oder Endung allein und das Spiel mit einzelnen ähnlich klingenden Wörtern sind enger.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Paromoeosis lässt Gedanken durch syntaktische und lautliche Balance als eng verbunden, geordnet und besonders merkfähig erscheinen.
Resonanz
Ein Satzglied antwortet dem anderen zugleich im Bau und im Klang; zwischen beiden entsteht eine fast körperlich wahrnehmbare Symmetrie.
Etymologie
griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass
Provenienz
Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Klang- und Parallelfiguren → ATLAS_153
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Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Paromoeosis“. Atlas der Sprache, AT-HAR4-0015. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR4-0015Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Bullinger rückt bei Paromoeosis ähnlich klingende Flexionsformen in den Vordergrund. Er grenzt seine Verwendung von anderen Klangfiguren ab und vergleicht sprachliche Ausgangsmuster mit Übersetzungen. Dabei werden manche Ähnlichkeiten erst durch seine vorgeschlagenen syrischen Entsprechungen sichtbar. Diese Vorschläge sind als seine Auslegung zu kennzeichnen, nicht als von uns unabhängig verifizierte Rekonstruktionen. Der Atlas kann an der Passage zeigen, dass Klang und grammatische Form gemeinsam organisiert sein können und dass eine Übersetzung die Beziehung nicht notwendig bewahrt. Die heutige weitere Definition korrespondierender Satzstruktur wird damit jedoch nicht vollständig abgesichert. Ihre genaue Grenze zu Homoioptoton und anderen Parallelfiguren bleibt eine Begriffsfrage, keine Aufgabe zur Erfindung eines Erstbelegs.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Wir trennen hörbare Ähnlichkeit, wiederkehrende grammatische Form und parallelen Satzbau. Diese Merkmale können zusammen auftreten, müssen es aber nicht. Die Übersetzung muss zeigen, welches davon sie bewahrt.