ATLAS DER SPRACHE

AT-RHE-208-001 · ATLAS 260

Homoioptoton

Wiederkehr gleichartiger grammatischer Kasusformen in korrespondierenden Wörtern oder Satzgliedern.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Homoioptoton erschließt korrespondierende Kasusformen als grammatisch begründete Klang- und Parallelbeziehung. Ähnliche Endungen allein belegen weder gleichen Kasus noch dieselbe Figurenfunktion.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Homoioptoton ist die Wiederkehr gleichartiger grammatischer Kasusformen in korrespondierenden Wörtern oder Satzgliedern. Die Figur verbindet morphologische Parallelität mit hörbarer Endungsähnlichkeit: Grammatische Beziehungen werden nicht nur syntaktisch verstanden, sondern treten als formale Korrespondenz hervor. Besonders in stark flektierenden Sprachen kann sie Glieder ausrichten, Gegensatz oder Gleichrangigkeit betonen und Erinnerung unterstützen. Ihre Wirkung lässt sich nicht allein aus gleichen Lautenden ableiten, denn entscheidend ist die gemeinsame Kasusgestalt. Übersetzung kann das Muster abschwächen oder durch andere Parallelmittel ersetzen. Homoioptoton macht sichtbar, wie grammatische Form selbst zu einer wahrnehmbaren Ordnung des Denkens werden kann.

Denkbewegung

1. Mehrere korrespondierende Wörter oder Satzglieder treten zunächst in einer syntaktisch gegliederten Reihe auf. 2. Sie erhalten gleiche oder gleichartige Kasusformen und dadurch morphologisch verwandte Endungen. 3. Die hörbare und grammatische Parallelität lässt ihre Beziehungen als geordnet oder gleichrangig hervortreten. 4. Die Gegenprobe prüft tatsächliche Kasusentsprechung gegen bloßen Reim und zufällig gleiche Wortausgänge. 5. Die Glieder kehren als doppelt gebundene Reihe zurück, deren Syntax in der Lautgestalt sichtbar beziehungsweise hörbar wird.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Historische Rhetorik und Morphostilistik können Kasus, Endungen, Parallelstruktur und Übersetzungslösungen annotieren. Vergleichsstudien zeigen, wie stark die Figur vom Flexionssystem einer Sprache abhängt.

Beispiel

Eine lateinisch gedachte Reihe stellt mehrere Handlungen »mit Mut, mit Rat, mit Maß« in denselben Kasus. Die parallele Flexion macht ihre syntaktische Gleichordnung zusätzlich hörbar.

Gegenbeispiel

Zwei Wörter mit gleicher Endsilbe bilden kein Homoioptoton, wenn ihre Ähnlichkeit ohne korrespondierende Kasusformen entsteht. Ein Endreim allein genügt der morphologisch bestimmten Figur nicht.

Abgrenzung

Von Homoioteleuton, Reim, Isokolon und Paromoeosis unterscheiden. Homoioptoton verlangt korrespondierende Flexions- oder Kasusformen; Homoioteleuton beruht allgemeiner auf ähnlichen Endklängen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Homoioptoton verstärkt Parallelität, Gleichrangigkeit und Erinnerbarkeit, indem grammatische Korrespondenz als wiederkehrende Laut- und Formgestalt wahrnehmbar wird.

Resonanz

Kasusformen antworten einander über getrennte Glieder hinweg; grammatische Ordnung klingt in ihren verwandten Endungen körperlich nach.

Etymologie

griechisch hómoios · gleichartig + ptôsis · Fall, Kasus

Provenienz

Klassische Klang- und Ordnungsfiguren → Primärtext und Handbuchvergleich → Funktionsabgrenzung → ATLAS_208

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Homoioptoton“. Atlas der Sprache, AT-RHE-208-001. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RHE-208-001

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Historischer Hintergrund

Quintilian trennt ausdrücklich die Ähnlichkeit des grammatischen Kasus von der Gleichheit hörbarer Endungen. Wörter in entsprechenden Kasus können verschiedenen Deklinationen angehören und daher unterschiedlich enden. Zudem kann die Korrespondenz am Anfang, in der Mitte oder am Ende von Satzgliedern auftreten. Damit erhält Homoioptoton eine präzisere historische Grundlage als eine allgemeine Reimbeschreibung. Der Atlas muss grammatische Rollen ebenso wie Klänge vergleichen. Eine englische Übersetzung kann die propositionale Beziehung erhalten und das Flexionsmuster der Ausgangssprache verlieren; ein englischer Satz zeigt deshalb nicht automatisch dieselbe Figur. Die Quelle bietet eine antike analytische Unterscheidung in moderner englischer Rezeption. Gegenüber Homeoptoton ist Kasuskorrespondenz von den engeren oder angepassten Kriterien einzelner Handbücher zu bewahren.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Homoioptoton beruht historisch auf entsprechender Kasusform, nicht notwendig auf gleichem Auslaut; Übersetzungen können den Sinn erhalten und die Figur verlieren.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.