Vertiefung
Homoioptoton ist die Wiederkehr gleichartiger grammatischer Kasusformen in korrespondierenden Wörtern oder Satzgliedern. Die Figur verbindet morphologische Parallelität mit hörbarer Endungsähnlichkeit: Grammatische Beziehungen werden nicht nur syntaktisch verstanden, sondern treten als formale Korrespondenz hervor. Besonders in stark flektierenden Sprachen kann sie Glieder ausrichten, Gegensatz oder Gleichrangigkeit betonen und Erinnerung unterstützen. Ihre Wirkung lässt sich nicht allein aus gleichen Lautenden ableiten, denn entscheidend ist die gemeinsame Kasusgestalt. Übersetzung kann das Muster abschwächen oder durch andere Parallelmittel ersetzen. Homoioptoton macht sichtbar, wie grammatische Form selbst zu einer wahrnehmbaren Ordnung des Denkens werden kann.
Denkbewegung
1. Mehrere korrespondierende Wörter oder Satzglieder treten zunächst in einer syntaktisch gegliederten Reihe auf. 2. Sie erhalten gleiche oder gleichartige Kasusformen und dadurch morphologisch verwandte Endungen. 3. Die hörbare und grammatische Parallelität lässt ihre Beziehungen als geordnet oder gleichrangig hervortreten. 4. Die Gegenprobe prüft tatsächliche Kasusentsprechung gegen bloßen Reim und zufällig gleiche Wortausgänge. 5. Die Glieder kehren als doppelt gebundene Reihe zurück, deren Syntax in der Lautgestalt sichtbar beziehungsweise hörbar wird.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Historische Rhetorik und Morphostilistik können Kasus, Endungen, Parallelstruktur und Übersetzungslösungen annotieren. Vergleichsstudien zeigen, wie stark die Figur vom Flexionssystem einer Sprache abhängt.
Beispiel
Eine lateinisch gedachte Reihe stellt mehrere Handlungen »mit Mut, mit Rat, mit Maß« in denselben Kasus. Die parallele Flexion macht ihre syntaktische Gleichordnung zusätzlich hörbar.
Gegenbeispiel
Zwei Wörter mit gleicher Endsilbe bilden kein Homoioptoton, wenn ihre Ähnlichkeit ohne korrespondierende Kasusformen entsteht. Ein Endreim allein genügt der morphologisch bestimmten Figur nicht.
Abgrenzung
Von Homoioteleuton, Reim, Isokolon und Paromoeosis unterscheiden. Homoioptoton verlangt korrespondierende Flexions- oder Kasusformen; Homoioteleuton beruht allgemeiner auf ähnlichen Endklängen.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Homoioptoton verstärkt Parallelität, Gleichrangigkeit und Erinnerbarkeit, indem grammatische Korrespondenz als wiederkehrende Laut- und Formgestalt wahrnehmbar wird.
Resonanz
Kasusformen antworten einander über getrennte Glieder hinweg; grammatische Ordnung klingt in ihren verwandten Endungen körperlich nach.
Etymologie
griechisch hómoios · gleichartig + ptôsis · Fall, Kasus
Provenienz
Klassische Klang- und Ordnungsfiguren → Primärtext und Handbuchvergleich → Funktionsabgrenzung → ATLAS_208
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Homoioptoton“. Atlas der Sprache, AT-RHE-208-001. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RHE-208-001Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Quintilian trennt ausdrücklich die Ähnlichkeit des grammatischen Kasus von der Gleichheit hörbarer Endungen. Wörter in entsprechenden Kasus können verschiedenen Deklinationen angehören und daher unterschiedlich enden. Zudem kann die Korrespondenz am Anfang, in der Mitte oder am Ende von Satzgliedern auftreten. Damit erhält Homoioptoton eine präzisere historische Grundlage als eine allgemeine Reimbeschreibung. Der Atlas muss grammatische Rollen ebenso wie Klänge vergleichen. Eine englische Übersetzung kann die propositionale Beziehung erhalten und das Flexionsmuster der Ausgangssprache verlieren; ein englischer Satz zeigt deshalb nicht automatisch dieselbe Figur. Die Quelle bietet eine antike analytische Unterscheidung in moderner englischer Rezeption. Gegenüber Homeoptoton ist Kasuskorrespondenz von den engeren oder angepassten Kriterien einzelner Handbücher zu bewahren.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Homoioptoton beruht historisch auf entsprechender Kasusform, nicht notwendig auf gleichem Auslaut; Übersetzungen können den Sinn erhalten und die Figur verlieren.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Quintilian, Institutio oratoria IX.3; H. E. Butler, English translation, Loeb Classical Library III (1920) · IX.3.78–80
Selected historical passage, not a complete genealogy or an English first attestation. Atlas examples and present-day countertests are editorial applications. Ancient argument inspected in English translation; Greek/Latin wording and manuscript transmission not independently collated. The online transcription contains apparent errors.