ATLAS DER SPRACHE

AT-172-0022 · ATLAS 260

Homeoptoton

Wiederkehr gleicher Flexionsendungen in benachbarten Wörtern oder Satzgliedern.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Homeoptoton macht morphologische Beziehungen durch gleichartige hörbare Flexionsabschlüsse erfahrbar. Die grammatische Funktion der Endungen grenzt die Figur vom allgemeineren Gleichklang des Homoioteleutons ab.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Homeoptoton bezeichnet die auffällige Wiederkehr gleicher oder ähnlicher Flexionsendungen in benachbarten Wörtern oder Satzgliedern. Die Figur setzt Sprachen oder Formen voraus, in denen Kasus-, Numerus-, Genus- oder Verbendungen klanglich hervortreten und parallel angeordnet werden können. Ihre Wirkung entsteht nicht aus beliebig gleichen Wortausgängen, sondern aus morphologisch vergleichbaren Endungen, die syntaktische Beziehung und Lautordnung zugleich wahrnehmbar machen. Homoioteleuton ist weiter gefasst und kann gleiche Wortenden unabhängig von ihrer Flexionsfunktion bezeichnen. In Übersetzungen kann Homeoptoton verloren gehen, wenn die Zielsprache dieselben grammatischen Beziehungen nicht durch hörbare Endungen ausdrückt. Die Denkbewegung führt grammatische Kongruenz oder Parallelität in den Klang und lässt abstrakte morphologische Ordnung als wiederkehrenden Abschluss mehrerer Einheiten hörbar werden.

Denkbewegung

1. Mehrere benachbarte Wörter oder Satzglieder treten zunächst in morphologisch und syntaktisch vergleichbare Positionen innerhalb einer Äußerung. 2. Ihre Flexionsformen erhalten gleiche oder deutlich ähnliche Endungen, die über die grammatische Funktion hinaus akustisch hervortreten. 3. Die wiederkehrenden Endungen koppeln Satzbau und Klang, markieren Parallelität und können Rhythmus oder Nachdruck verstärken. 4. Die Gegenprobe analysiert Morpheme und trennt Homeoptoton von Homoioteleuton, Reim, zufällig gleichem Wortausgang und bloßer Kongruenz. 5. Die grammatische Ordnung kehrt als Klangfigur zurück; was gewöhnlich nur Beziehung markiert, wird zum hörbaren Muster der Passage.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Klassische Philologie, historische Grammatik und Übersetzungsanalyse bestimmen Flexionsmorpheme, syntaktische Parallelität und akustische Salienz. Paralleltexte zeigen strukturelle Übersetzungsverluste.

Beispiel

Eine lateinische Satzfolge kann mehrere parallel gebrauchte Adjektive und Substantive mit derselben Kasusendung schließen; die Flexionsbeziehung wird dadurch zugleich rhythmisch hervorgehoben.

Gegenbeispiel

Zwei benachbarte unveränderliche Wörter enden zufällig auf dieselben Laute, ohne dass eine Flexionsendung beteiligt ist. Dies kann Homoioteleuton oder Klangähnlichkeit sein, aber kein klares Homeoptoton.

Abgrenzung

Von Homoioteleuton, Endreim, Assonanz, Alliteration, bloßer Kongruenz, Parallelismus und zufällig gleicher Endsilbe unterscheiden; morphologische Funktion, Nachbarschaft und rhetorische Hervorhebung nachweisen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Homeoptoton macht grammatische Übereinstimmung klanglich einprägsam und verstärkt parallelen Bau; in endungsarmen Sprachen ist die Figur schwer nachzubilden und leicht mit Reim zu verwechseln.

Resonanz

Mehrere Satzglieder enden im selben grammatischen Klang; Formbeziehung wird zu einem wiederkehrenden Echo, das die Konstruktion zusammenbindet.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition

Provenienz

Dublettenabgleich → Denkbewegung → DE/EN-Doppelfassung → Klang und Grammatik → ATLAS_172

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Homeoptoton“. Atlas der Sprache, AT-172-0022. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-172-0022

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-172-0022

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Historischer Hintergrund

Peachams Eintrag von 1593 passt eine fallbezogene Kategorie ausdrücklich an das Englische an und behandelt übereinstimmende Nominalendungen als praktisches Gegenstück. Das ist ein aufschlussreiches Rezeptionsereignis: Beim Import eines rhetorischen Schemas kann sich sein Arbeitskriterium ändern, wenn die Zielsprache andere Mittel besitzt. Peachams pauschale Aussage, das Englische variiere nicht nach Kasus, bleibt ihm zugeschrieben und wird nicht als moderne Grammatik wiederholt. Die Atlasdefinition von Homeoptoton betont Flexionsendungen; die Quelle zeigt daher eine Anpassung, nicht vollständige Deckung. Eine Gegenprobe trennt Wörter mit gemeinsamer grammatischer Endung von nur zufällig ähnlich auslautenden Wörtern. Klangähnlichkeit und grammatische Entsprechung können zusammentreffen, müssen es aber nicht. Wegen des Nachbarprofils Homoioptoton darf die Schreibung nicht zur Behauptung zweier unabhängiger Geschichten verleiten.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Homeoptoton wird historisch gerade durch die Anpassung eines Kasusschemas an englische Endungsähnlichkeit unterscheidbar; grammatische Korrespondenz und bloßer Gleichklang bleiben getrennt.