ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR7-0009 · ATLAS 260

Homoioteleuton

Wiederkehr ähnlich klingender Wort- oder Satzenden.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Homoioteleuton erschließt Endklangähnlichkeit als Bindungseffekt, der auch ohne gleiche Flexionsform oder geregelten Reim auftreten kann. Homoioptoton bindet die Endähnlichkeit zusätzlich an entsprechende Flexionsformen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Homoioteleuton ist die Wiederkehr ähnlich klingender Endungen mehrerer Wörter oder Satzglieder. Der Gleichklang kann aus Flexionsmorphologie, Wortbildung oder bewusst gewählter Lautfolge entstehen und verbindet getrennte Einheiten akustisch miteinander. In Rede und Prosa erzeugt er Rhythmus, Geschlossenheit oder merkfähige Parallelität; überhäuft kann er monoton oder unbeabsichtigt komisch wirken. Die Denkbewegung isoliert die Endsegmente, trennt grammatisch notwendige Übereinstimmung von zusätzlicher Gestaltung und prüft Abstand, Betonung und syntaktische Position. Entscheidend ist, ob die Endähnlichkeit wahrnehmbar eine Beziehung zwischen den Gliedern erzeugt und welchen semantischen Zusammenhang sie nahelegt.

Denkbewegung

1. Die wiederkehrenden Endsegmente werden lautlich und graphisch exakt voneinander abgegrenzt. 2. Morphologische Notwendigkeit und frei gewählte Klangähnlichkeit werden als mögliche Ursachen getrennt. 3. Abstand, Akzent, Pause und syntaktische Parallelität bestimmen die Wahrnehmbarkeit der Wiederkehr. 4. Semantische Beziehungen zeigen, ob Gleichklang Entsprechung, Gegensatz, Reihung oder Pointe unterstützt. 5. Eine lautlich neutrale Paraphrase macht den Beitrag des Endklangs zu Rhythmus und Erinnerung sichtbar.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Phonostilistik, Prosodie, Metrik und Übersetzungsforschung untersuchen Homoioteleuton über Endsegment, Abstand und Auffälligkeit. Korpus- und Hörtests können zufällige morphologische Häufung von wahrgenommener Klanggestaltung unterscheiden.

Beispiel

Eine Rede verbindet die Forderungen: „klar entscheiden, fair begründen, offen verkünden“. Die ähnlich ausklingenden Infinitive schließen drei verschiedene Handlungen rhythmisch zusammen.

Gegenbeispiel

Gleiche Flexionsendungen allein bilden nicht notwendig ein rhetorisch wirksames Homoioteleuton. Der Endklang muss als gestaltete oder funktional wahrnehmbare Wiederkehr im konkreten Text hervortreten.

Abgrenzung

Von Reim, Homoioptoton, Parison und Alliteration unterscheiden. Homoioteleuton betrifft ähnlich klingende Enden unabhängig von identischer grammatischer Form; Homoioptoton beruht spezifischer auf gleichen Flexionsendungen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Homoioteleuton schafft akustische Kohäsion, rhythmische Erwartung und leichte Erinnerbarkeit. Es kann Glieder als zusammengehörig erscheinen lassen, auch wenn ihre sachliche Beziehung schwächer ist als ihre Klangform.

Resonanz

Ein Ende findet im nächsten ein lautliches Echo. Die Wiederkehr bindet voneinander getrennte Wörter an eine gemeinsame Klanglinie, die nach dem einzelnen Glied weiterläuft.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Klangfiguren → ATLAS_152

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Homoioteleuton“. Atlas der Sprache, AT-HAR7-0009. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR7-0009

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR7-0009

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Historischer Hintergrund

Quintilian bestimmt übereinstimmende Satzgliedenden als eine Art verbaler Korrespondenz und unterscheidet sie von entsprechenden Kasus und gleicher Länge. Mehrere Muster können zusammentreffen, werden dadurch aber nicht identisch. Das liefert einen klaren historischen Hintergrund für Homoioteleuton. Das wiederkehrende Ende schafft einen erkennbaren Ankunftspunkt und kann getrennte Aussagen koordiniert erscheinen lassen. Eine Gegenprobe ersetzt die Endungen bei gleichbleibenden Behauptungen und fragt, welche rhythmische Gruppierung verloren geht. Der Effekt beweist nicht, dass sich die gruppierten Aussagen sachlich stützen. Die Passage erlaubt außerdem mehr als drei Glieder und verhindert so die Verwechslung mit dem Trikolon. Schreibung und englische Rezeption sowie die Verwendung in der Textkritik bleiben eigens zu prüfen.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Homoioteleuton koordiniert Satzglieder durch wiederkehrende Endungen; diese akustische Bindung ist weder Kasusgleichheit noch Beweis eines sachlichen Zusammenhangs.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.