ATLAS DER SPRACHE

AT-CORE-238-042 · ATLAS 260

Kasus

Grammatische Kategorie, die nominale Formen und ihre syntaktisch-semantischen Beziehungen kennzeichnet.

Teil des Themenwegs Syntax und Grammatik

Warum dieser Begriff im Atlas?

G · Grundlagenbegriff R2 · Notwendige Grundlage

Kasus ist als Grundlage für Antiptosis, Valenzkontraste und Rollenmarkierung erforderlich. Die formale Kategorie muss von einer eins-zu-eins-Zuordnung semantischer Rollen unterschieden werden, gerade bei Synkretismus.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Kasus ist eine grammatische Kategorie, die nominale Ausdrücke formal kennzeichnet und ihre syntaktischen sowie semantischen Beziehungen mitorganisiert. Markierung kann am Nomen, Artikel, Adjektiv oder Pronomen erscheinen oder durch mehrere Mittel verteilt sein. Bezeichnungen wie Nominativ, Akkusativ oder Instrumental sind keine universell identischen Bedeutungsschubladen: Einzelne Sprachen bündeln Rollen, Richtung, Besitz oder Begleitung unterschiedlich. Kasus bildet daher Bedeutung nicht eins zu eins ab. Dieselbe semantische Rolle kann verschiedene Formen erhalten, und eine Form kann mehrere Funktionen tragen. Der Begriff macht sichtbar, wie Sprache Beziehungen in die Gestalt nominaler Ausdrücke einschreibt und dadurch Orientierung ermöglicht, zugleich aber historische Schichtung, Synkretismus und konstruktionsabhängige Variation bewahrt.

Denkbewegung

1. Ein Ereignis oder Zustand bringt zunächst mehrere nominal bezeichnete Beteiligte mit unterschiedlichen syntaktischen und semantischen Beziehungen zusammen. 2. Das Sprachsystem markiert ausgewählte Beziehungen durch Formen an Nomen, Begleitwörtern oder Pronomen und ordnet so mögliche Lesarten vor. 3. Hörer verbinden Form, Verb, Wortstellung und Kontext, um Rollen wie Handelnden, Betroffenen, Besitzer oder Mittel zu erschließen. 4. Die Gegenprobe prüft, ob eine Form tatsächlich Kasus markiert und widersteht der direkten Gleichsetzung eines Kasusnamens mit genau einer semantischen Rolle. 5. Die Äußerung kehrt als Beziehungsgefüge zurück, dessen grammatische Markierungen Orientierung geben, ohne Interpretation vollständig festzulegen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Morphologie, Syntax und Typologie vergleichen Paradigmen, Kongruenz, Synkretismus und Kasusfunktionen. Korpus- und Akzeptabilitätsdaten prüfen konstruktionsabhängige Variation statt nur idealisierte Beispielsätze.

Beispiel

In »Mit dem Schlüssel öffnet Lea die Tür« markiert »dem Schlüssel« ein Mittel; dieselbe Form könnte in anderem Kontext Begleitung anzeigen und verlangt Zusammenspiel mit Verb und Situation.

Gegenbeispiel

Dass ein Ausdruck den Handelnden bezeichnet, macht ihn nicht in jeder Sprache oder Konstruktion automatisch zum Nominativ. Semantische Rolle und morphologischer Kasus sind getrennt zu bestimmen.

Abgrenzung

Von semantischer Rolle, grammatischer Relation, Adposition, Kongruenz und Wortstellung unterscheiden. Kasus ist formale grammatische Kategorisierung; seine Funktionen entstehen im Zusammenspiel mehrerer Ebenen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Kasus macht Beziehungen kompakt erkennbar, erlaubt flexible Anordnung nominaler Ausdrücke und bündelt syntaktische sowie semantische Hinweise in sprachspezifischen Formen.

Resonanz

Kleine Formveränderungen lassen das ganze Beziehungsbild eines Satzes neu erklingen; ein nominaler Ausdruck antwortet dem Verb und den anderen Beteiligten zugleich.

Etymologie

fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen

Provenienz

Offenes Beziehungsnetz → Grundbegriffsprüfung → Metzler/HWRh-Abgleich → ATLAS_238

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Kasus“. Atlas der Sprache, AT-CORE-238-042. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-238-042

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-238-042

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Historischer Hintergrund

Sapirs Satzanalyse von 1921 trennt die beteiligten Gegenstände und die Tätigkeit von den Beziehungen zwischen ihnen. Vertauscht man farmer und duckling, bleibt das Wortmaterial erhalten, während sich die Rollen umkehren. Auch Verbformen und Kongruenz tragen zur grammatischen Organisation bei. Für den Atlas ist dieser Ansatz ein historischer Anlass, semantische Teilnehmerrollen, syntaktische Beziehungen und ihre formale Markierung gesondert zu untersuchen. Er beweist nicht, dass jede Rolle eine eigene Kasusendung besitzt. Die hier gelesene Passage trägt diesen methodischen Vergleich, nicht die vollständige Geschichte der Kasustheorie. Weder das englische Wort case noch das deutsche Kasus erhalten dadurch einen Erstbeleg.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Unterscheide Teilnehmerrolle, Satzrelation und formale Markierung, bevor du einen Kasus gleichsetzt.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • Edward Sapir, Language: An Introduction to the Study of Speech (1921) · Chapter V, farmer–duckling comparison, Latin agreement and the note on case

    Original English text read in the Gutenberg transcription. No first-coinage claim, full-book verification or automatic endorsement of the author’s 1921 language classifications and generalisations. Examples require modern descriptive checking before reuse as current language data.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.