ATLAS DER SPRACHE

AT-RHE-W0048 · ATLAS 260

Synästhesie

Sprachliche Verbindung von Eindrücken, die unterschiedlichen Sinnesbereichen zugeordnet werden.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Sprachliche Synästhesie erschließt Übertragungen zwischen Sinnesbereichen, etwa wenn eine Stimme als samtig beschrieben wird. Sie zeigt, wie Sprache Wahrnehmungsqualitäten verbindet, statt sie nur getrennt zu benennen. Der zusätzliche Erkenntnisbeitrag gegenüber Metapher liegt im gezielten Sinneswechsel; neurologische Synästhesie ist davon ausdrücklich zu unterscheiden.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Sprachliche oder literarische Synästhesie verbindet Qualitäten, die konventionell verschiedenen Sinnesbereichen zugeordnet werden: Ein Klang erscheint »warm«, eine Farbe »schreiend«, eine Stimme »samtig«. Die Figur überträgt nicht lediglich irgendeine Eigenschaft, sondern lässt eine Wahrnehmungsmodalität die Erfahrung einer anderen ordnen. Manche Verbindungen sind stark konventionalisiert und kaum noch auffällig, andere erzeugen eine überraschende, dichte Wahrnehmungsszene. Ihre Analyse darf nicht mit neurologischer Synästhesie gleichgesetzt werden, bei der Personen wiederkehrende, individuell stabile Kopplungserlebnisse berichten. Auch Lautsymbolik ist etwas anderes, weil dort Lautgestalt und Bedeutung systematisch assoziiert werden. Der Begriff zeigt, wie Sprache die Grenzen der Sinne durchlässig macht und eine Qualität dort erfahrbar werden lässt, wo wörtliche Benennung nicht ausreicht.

Denkbewegung

1. Eine sinnliche Qualität wird zunächst einem vertrauten Wahrnehmungsbereich wie Hören, Sehen, Tasten, Schmecken oder Riechen zugeordnet. 2. Der Ausdruck trägt diese Qualität in einen anderen Sinnesbereich und zwingt beide Ordnungen, in einer gemeinsamen Vorstellung zusammenzuarbeiten. 3. Die Lesenden suchen eine erfahrbare Ähnlichkeit in Intensität, Textur, Temperatur, Helligkeit oder Bewegung und erzeugen eine verdichtete Wahrnehmung. 4. Die Gegenprobe trennt figurative Sinnesübertragung von konventionalisierter Fachbedeutung, Lautsymbolik und individuell-neurologischer Synästhesie. 5. Die Wahrnehmung kehrt erweitert zurück: Ein Sinn spricht mit der Stimme eines anderen und öffnet einen gemeinsam schwingenden Erlebnisraum.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Literaturwissenschaft, Kognitive Linguistik und Psycholinguistik untersuchen Quell- und Zieldomänen, Konventionalität, Richtungstendenzen und Verarbeitung. Korpora trennen produktive Figuren von lexikalisierten Verbindungen.

Beispiel

Ein samtiger, dunkelblauer Ton füllte den Raum. »Ein bitteres Blau lag über dem verlassenen Bahnsteig.« Die Geschmacksqualität strukturiert die visuelle Farbe und gibt der Szene zugleich eine affektive Schärfe.

Gegenbeispiel

Der Ton war tief beschreibt eine konventionalisierte Höreigenschaft. »Ein tiefer Ton« bezeichnet im heutigen Sprachgebrauch unmittelbar eine niedrige Tonhöhe. Ohne zusätzlichen Sinneswechsel ist die feste Verbindung kein deutliches Beispiel literarischer Synästhesie.

Abgrenzung

Von neurologischer Synästhesie, Lautsymbolik, gewöhnlicher Metapher ohne Sinneswechsel, Hypallage als syntaktischer Eigenschaftsverschiebung und lexikalisierter sensorischer Bedeutung unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Synästhesie verdichtet Beschreibung, macht Wahrnehmungsgrenzen beweglich und kann schwer benennbare Stimmungen durch die gegenseitige Erhellung verschiedener Sinne erfahrbar machen.

Resonanz

Ein Sinneskanal bringt einen anderen zum Mitschwingen; Farbe erhält Geschmack, Klang gewinnt Textur, und zwischen beiden entsteht eine Wahrnehmung, die keiner allein tragen könnte.

Etymologie

griech. sýn: zusammen + aísthēsis: Wahrnehmung

Provenienz

Kandidatenbank K-0048 → ATLAS_035; Poetik → Wahrnehmungspsychologie

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Synästhesie“. Atlas der Sprache, AT-RHE-W0048. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RHE-W0048

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RHE-W0048

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Historischer Hintergrund

Jewanski und Mitautoren rekonstruieren die Geschichte der Bezeichnung Synästhesie anhand wechselnder Forschungsbegriffe des 19. Jahrhunderts. Sie zeigen, weshalb eine ältere Namensähnlichkeit nicht automatisch dasselbe Phänomen bezeichnet. Für 1892 diskutieren sie Millet und Myers; eine einfache Prioritätsbehauptung wird dadurch problematisch. Der Übergang zu künstlerischen Verwendungen wird unter anderem an Segalens Beitrag von 1902 über die symbolistische Schule sichtbar. Diese Stationen sind über den Forschungsartikel von 2019/2020 erschlossen. Für das deutsche Atlaslemma ist deshalb eine doppelte Abgrenzung nötig: die sprachliche Verbindung verschiedener Sinnesbereiche einerseits und eine besondere Wahrnehmungserfahrung andererseits. Eine literarische Formulierung ist kein diagnostischer Nachweis einer Synästhesie beim Autor.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Die Denkbewegung verbindet getrennte Beschreibungskategorien: Wie lässt eine Stimme sich zugleich als rau, kantig oder warm vorstellen? Prüfe danach, ob diese Verbindung die Erfahrung präzisiert oder nur eine vage Ausschmückung bleibt. Der englische Zusatz literary begrenzt den Fokus deutlicher als das deutsche Lemma allein.

Ergänzendes Beispiel

Eigenes Beispiel: „Ihre Stimme hatte eine kantige Wärme.“ Der Satz verbindet Klang mit Form und Temperaturempfinden; im Kontext könnte er eine zugleich freundliche und schroffe Rede verdeutlichen. Gegenprobe: „Sie sprach laut“ bleibt im akustischen Bereich. Auch eine ungewöhnliche Formulierung beweist noch keine individuelle neurologische Synästhesie.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.