ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR4-0011 · ATLAS 260

Synathroismus

Dichte Anhäufung vieler Eigenschaften, Einzelheiten oder Benennungen.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Synathroismus profiliert die gedrängte kumulative Anhäufung von Einzelheiten und macht deren Dichte als Wirkungsträger untersuchbar. Klimax verlangt eine Steigerungsordnung, die aus bloßer kumulativer Dichte nicht folgt.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Synathroismus ist die dichte Anhäufung zahlreicher Eigenschaften, Einzelheiten, Bezeichnungen oder Beschreibungen, die gemeinsam ein übersteigertes Gesamtbild erzeugen. Die Elemente können gleichgerichtet sein und Lob, Tadel, Fülle oder Überforderung steigern; ihre Wirkung entsteht weniger aus logischer Ordnung als aus kumulativer Masse. Dennoch ist die Auswahl nicht neutral: Jedes zusätzliche Merkmal rahmt den Gegenstand und kann den Eindruck von Vollständigkeit vortäuschen. Die Denkbewegung zerlegt die Häufung, ordnet ihre semantischen Richtungen und prüft, ob sie differenziert charakterisiert, emotional überwältigt oder eine Person auf eine Kette wertender Zuschreibungen reduziert.

Denkbewegung

1. Die angehäuften Merkmale oder Benennungen werden als einzelne semantische Beiträge inventarisiert. 2. Wiederholung, Variation und Steigerungsrichtung zeigen den Aufbau der kumulativen Wirkung. 3. Es wird geprüft, ob die Elemente neue Aspekte ergänzen oder denselben Eindruck nur verstärken. 4. Reihenfolge und Rhythmus erklären, wann Fülle in Überwältigung oder Komik umschlägt. 5. Eine gekürzte Vergleichsfassung zeigt, welche Rahmung allein durch die Masse der Zuschreibungen entsteht.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Stilistik, Narratologie, Affekt- und Propagandaforschung untersuchen Synathroismus über Merkmalsrichtung, Reihenfolge und Bewertungsdichte. Quantitative Textanalyse kann Häufungen finden, benötigt aber kontextuelle Funktionsprüfung.

Beispiel

Der Erzähler nennt den Raum „eng, staubig, fensterlos, stickig, vergilbt, überfüllt, schweigend, vergessen“ und erzeugt aus der Häufung ein nahezu körperliches Bild der Vernachlässigung.

Gegenbeispiel

Eine sachlich notwendige detaillierte Beschreibung ist kein Synathroismus, wenn jedes Merkmal für Identifikation oder Erklärung erforderlich und die Reihe nüchtern geordnet ist. Die Figur verlangt auffällige kumulative Dichte.

Abgrenzung

Von Enumeratio, Klimax und bloßer Detailfülle unterscheiden. Synathroismus betont die gedrängte kumulative Anhäufung; Enumeratio kann geordnet entfalten, Klimax verlangt eine erkennbare Steigerungsfolge.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Synathroismus erzeugt Fülle, Intensität und emotionale Sättigung. Er kann anschaulich charakterisieren oder durch Übermaß überwältigen, stigmatisieren und analytische Unterschiede in einer Gesamtwertung auflösen.

Resonanz

Ein Merkmal ruft das nächste, bis einzelne Stimmen zu einer dichten Klangmasse werden. Der Gegenstand erscheint nicht nur beschrieben, sondern von Zuschreibungen umgeben und überformt.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Register → Dublettenabgleich → unabhängige Neufassung → Häufungsfiguren → ATLAS_149

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Synathroismus“. Atlas der Sprache, AT-HAR4-0011. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR4-0011

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR4-0011

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Synathroismus wird im englischen Referenzeintrag unter Synathroesmus als Häufung von Ausdrücken oder als Zusammenführung zuvor verstreuter Punkte beschrieben. Der Quellenindex nennt englische Rhetoriken von Sherry, Peacham und Puttenham aus dem 16. Jahrhundert; deren Originalpassagen sind hier nicht erneut geprüft. Die verschiedenen Schreibweisen dürfen nicht zu voneinander unabhängigen Erfindungsgeschichten führen. Historisch erschlossen wird eine Benennungstradition der verdichtenden Zusammenstellung.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Zerlege die beeindruckende Häufung wieder in einzelne Aussagen. Dann lässt sich erkennen, ob neue Aspekte zusammenkommen oder ein einziger Vorwurf nur mehrfach benannt wird. Die Menge der Ausdrücke ist kein Maß für unabhängige Belege.

Ergänzendes Beispiel

Eigenes Beispiel: „Zeit, Geld, Geduld, Vertrauen – alles steht auf dem Spiel.“ Gegenprobe: Erst die Einzelprüfung zeigt, welche Risiken tatsächlich bestehen.

Ergänzende Vertiefung

Eine Häufung kann zunächst ein Gesamtgefühl erzeugen: „Alles steht auf dem Spiel.“ Erst beim Entflechten wird sichtbar, ob Zeitverlust, finanzielle Belastung und Vertrauensverlust voneinander unabhängige Probleme sind oder Folgen desselben Vorgangs. Wir führen die dichte sprachliche Gestalt in eine untersuchbare Ordnung über. Danach darf sie erneut zusammengeführt werden, nun mit begründeten Verbindungen. Diese Bewegung von Verdichtung zu Differenzierung und zurück ist ein eigener Atlas-Denkweg; die rhetorische Figur allein garantiert keine solche Prüfung.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.