ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR6-0015 · ATLAS 260

Systrophe

Häufung vieler Eigenschaften eines Gegenstands, ohne ihn ausdrücklich zu definieren.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Systrophe erschließt die Eigenschaftsumkreisung eines Gegenstands, die ihn anschaulich bestimmt und zugleich eine ausdrückliche Definition umgeht. Eine explizite Definitio setzt eine Grenzformel, die diese Eigenschaftshäufung gerade nicht liefert.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Systrophe häuft zahlreiche Eigenschaften, Bilder oder Umschreibungen eines Gegenstands, ohne ihn durch eine abschließende Definition festzulegen. Der Gegenstand gewinnt Kontur aus der Bewegung mehrerer Perspektiven; keine einzelne Zuschreibung beansprucht, ihn vollständig zu erschöpfen. Das kann Komplexität wahren, emotionale Dichte erzeugen oder eine Identität suggestiv zusammensetzen. Zugleich kann die Häufung Belege ersetzen und widersprüchliche Attribute unter einem Namen versammeln. Die Denkbewegung inventarisiert die Prädikate, ordnet ihre Perspektiven und prüft, welche Merkmale beobachtet, bewertet, tradiert oder metaphorisch gesetzt sind und welches Bild aus ihrer Gesamtwirkung entsteht.

Denkbewegung

1. Der bezeichnete Gegenstand wird von sämtlichen angehäuften Eigenschaften analytisch getrennt. 2. Jede Zuschreibung wird als Beobachtung, Wertung, Bild, Relation oder tradierte Formel klassifiziert. 3. Gruppen, Wiederholungen und Spannungen zeigen, welche Perspektiven dominieren oder einander widersprechen. 4. Für zentrale Merkmale wird geprüft, ob sie belegt, situationsabhängig oder bloß suggestiv gesetzt sind. 5. Eine knappe Definitionsprobe macht sichtbar, was die offene Eigenschaftshäufung gewinnt oder bewusst unbestimmt lässt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Literaturwissenschaft, Diskurs- und Identitätsforschung untersuchen Systrophe nach Attributgruppen, Wertung und Perspektivenvielfalt. Korpusvergleiche können zeigen, wie Personen, Orte oder Institutionen durch wiederkehrende Zuschreibungsfelder konstruiert werden.

Beispiel

Eine Rede nennt eine Stadt „Hafen und Zuflucht, widerspenstig und gastfreundlich, vom Wind gezeichnet, vom Handel getrieben, voller Erinnerung und stets im Umbau“, ohne eine einzige Wesensformel zu geben.

Gegenbeispiel

Eine sachliche Merkmalsliste oder vollständige Lexikondefinition ist keine Systrophe. Die Eigenschaften müssen rhetorisch gehäuft werden und den Gegenstand umkreisen, ohne ihn in einer eindeutigen Definition abzuschließen.

Abgrenzung

Von Enumeratio, Congeries, Definitio und Epitheton unterscheiden. Systrophe umkreist einen Gegenstand durch viele Eigenschaften ohne explizite Definition; Epitheton bindet meist eine einzelne charakterisierende Beigabe an ihn.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Systrophe erzeugt ein dichtes, vielansichtiges Bild und kann definitorische Verengung vermeiden. Sie kann aber auch durch bloße Menge überwältigen und ein kohärentes Wesen suggerieren, das die Einzelmerkmale nicht belegen.

Resonanz

Viele Zuschreibungen treffen auf denselben Gegenstand und bringen jeweils eine andere Seite zum Klingen. Seine Gestalt entsteht im Feld dieser Überlagerungen, nicht in einer einzigen abschließenden Formel.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Benennungsfiguren → ATLAS_151

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Systrophe“. Atlas der Sprache, AT-HAR6-0015. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR6-0015

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR6-0015

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Historischer Hintergrund

Peacham nennt Systrophe 1593 auch conglobatio oder convolutio und beschreibt sie als Häufung mehrerer Charakterisierungen desselben Gegenstands. Er spricht von definitions, grenzt sie aber ausdrücklich von der logischen Definition durch Gattung und spezifische Differenz ab. Damit lässt sich der scheinbare Widerspruch zur heutigen Erklärung auflösen: Die Figur liefert Beschreibungen und Wertungen, keine erschöpfende Wesensbestimmung. Ihre kumulative Bewegung kann einen Gegenstand aus mehreren Perspektiven sichtbar machen, besonders in Lob und Tadel; sie kann durch Auswahl aber auch einseitig werden. Peacham warnt vor Übermaß und häufigem Gebrauch. Die Transkription belegt einen englischen rhetorischen Zeugen, nicht die vollständige Aufnahmegeschichte des seltenen Lemmas in Englisch oder Deutsch.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Systrophe häuft charakterisierende Umschreibungen, ohne notwendig eine logische Definition zu liefern; Auswahl und Kumulation bestimmen ihre wertende Wirkung.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • Henry Peacham, The Garden of Eloquence (1593), Perseus transcription · Schemates Rhetorical: Systrophe, including use and caution where present

    The relevant transcription was read; it has not been collated against a 1593 page image. This dates a documented witness, not the first coinage. Historical moral, social and religious judgements are attributed to Peacham, not adopted as current knowledge.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.