Vertiefung
Synonymia bezeichnet die rhetorische Reihung mehrerer bedeutungsnaher Ausdrücke für denselben Gegenstand oder dieselbe Aussageabsicht. Die Wörter wiederholen nicht einfach identischen Inhalt: Unterschiede in Register, Bildlichkeit, Intensität oder Perspektive fächern den Gegenstand auf und können Nachdruck, Fülle oder emotionale Steigerung erzeugen. Als Figur beruht Synonymia auf sequenzieller Gestaltung, während Synonymie eine lexikalisch-semantische Relation zwischen Ausdrücken bezeichnet, die auch außerhalb einer konkreten Reihung bestehen kann. Vollständige Austauschbarkeit ist nicht erforderlich und meist ohnehin selten. Die Figur kann in Pleonasmus kippen, wenn die Wiederaufnahme ohne erkennbare Funktion bleibt, oder eine Klimax bilden, wenn die Glieder geordnet zunehmen. Der Begriff macht sichtbar, wie sprachliche Annäherung durch mehrere unvollständige Benennungen mehr Kontur erzeugen kann als ein vermeintlich einziges genaues Wort.
Denkbewegung
1. Ein Gegenstand oder Urteil wird zunächst benannt, doch die erste Formulierung erschöpft seine gewünschte Wertung oder Anschaulichkeit nicht. 2. Weitere bedeutungsnahe Ausdrücke treten hinzu und halten die Referenz fest, während Register, Intensität oder Perspektive leicht wechselt. 3. Die Reihung erzeugt Nachdruck, Fülle oder eine Bewegung durch verschiedene begriffliche Annäherungen und lenkt die Erwartung des Publikums. 4. Die Gegenprobe prüft gemeinsame Referenz und funktionale Differenz und trennt Synonymia von lexikalischer Synonymie, Wiederholung, Pleonasmus, Akkumulation und Klimax. 5. Der Gegenstand kehrt als mehrseitig bestimmte Gestalt zurück: Kein Ausdruck ersetzt die anderen vollständig, doch ihre Nähe verdichtet die Aussage.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Rhetorik, Stilistik und lexikalische Semantik untersuchen Reihenfolge, Kollokation, Register und Bedeutungsabstand. Korpusanalysen prüfen, wann Häufung verstärkt, differenziert oder nur redundant wirkt.
Beispiel
»Sie war erschöpft, ausgelaugt, leer« hält dieselbe Person im Blick, verschiebt die Perspektive aber von körperlicher Müdigkeit zu umfassender innerer Leere.
Gegenbeispiel
Ein Wörterbuch stellt »beginnen« und »anfangen« auf zwei getrennten Seiten als bedeutungsähnlich dar. Das belegt Synonymie, aber ohne rhetorische Reihung keine Synonymia.
Abgrenzung
Von Synonymie als lexikalischer Relation, Repetition derselben Form, Akkumulation heterogener Aspekte, Pleonasmus, Klimax, Enumeratio, Congeries und bloßer Paraphrase unterscheiden.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Synonymia erhöht Nachdruck und semantische Dichte, lässt mehrere Benennungsperspektiven zugleich wirken und kann einen Gegenstand schrittweise emotional oder begrifflich konturieren.
Resonanz
Mehrere Wörter umkreisen denselben Gegenstand; jedes trifft ihn etwas anders, und aus ihren überlappenden Linien entsteht eine dichtere Gestalt.
Etymologie
griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Einzelgenealogie in Vertiefung
Provenienz
Harjung-Register → Differenzabgleich → unabhängige Neufassung → Häufungsfiguren → ATLAS_122
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Synonymia“. Atlas der Sprache, AT-HAR2-0026. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR2-0026Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Bullinger stellt Synonymia 1898 als nachdrückliche Wiederholung bedeutungsähnlicher Wörter mit unterschiedlicher Lautung und Herkunft dar. Bloßes Vorhandensein von Synonymen ergibt nach seiner ausdrücklichen Unterscheidung noch keine Figur. Seine Wertung unterscheidet menschliche leere Wiederholung von göttlich begründeter Hervorhebung; diese Asymmetrie ist ihm historisch zuzurechnen. Der Beleg trägt eine rhetorische Gebrauchskategorie, keine umfassende Geschichte lexikalischer Synonymie.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Lexikalische Nähe und rhetorischer Nachdruck sind zwei getrennt zu begründende Ebenen.