ATLAS DER SPRACHE

AT-RES6B-0004 · ATLAS 260

Figura synonymia

Häufung bedeutungsnaher Ausdrücke zur Verstärkung, Entfaltung oder genaueren Beleuchtung eines Gegenstands.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Figura synonymia erschließt Verstärkung durch bedeutungsnahe Ausdrücke als Traditionsform der Häufung. Der zusätzliche Auswahlplatz neben Congeries ist wegen überlappender Mechanismen zu vergleichen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Figura synonymia bezeichnet die rhetorische Folge mehrerer bedeutungsgleicher oder bedeutungsnaher Ausdrücke für denselben Gegenstand. Sie wiederholt nicht einfach identische Wörter, sondern nähert sich einer Sache über benachbarte Benennungen, die jeweils einen anderen Akzent setzen können. Dadurch lässt sich ein Gedanke verstärken, entfalten, präzisieren oder emotional aufladen. Die Figur beruht auf funktionaler Nähe im konkreten Zusammenhang, nicht auf vollständiger Austauschbarkeit der Wörter in jedem Kontext. Ihre historische Benennung überschneidet sich mit Synonymia; daraus darf keine künstliche zweite Figur entstehen. Als eigenes Atlasprofil ist sie nur sinnvoll, wenn es die figurative Verwendung der lexikalischen Synonymie und ihre Denkbewegung sichtbar macht. Diese führt nicht im Kreis, sondern umkreist einen Gegenstand, bis seine Kontur aus mehreren sprachlichen Annäherungen hervortritt.

Denkbewegung

1. Ein Gegenstand wird zunächst mit einem Ausdruck benannt, der eine bestimmte semantische Perspektive eröffnet. 2. Weitere bedeutungsnahe Ausdrücke treten hinzu und halten den Referenzpunkt fest, während sie andere Nuancen aktivieren. 3. Die Folge verdichtet, erläutert oder steigert den Gedanken, ohne bloß denselben Wortlaut zu wiederholen. 4. Die Gegenprobe prüft gemeinsame Referenz und rhetorische Funktion und trennt die Figur von Aufzählung, Tautologie und beliebiger Variation. 5. Der Gegenstand kehrt vielstimmig zurück; keine Einzelbenennung erschöpft ihn, doch ihre Nachbarschaft macht ihn deutlicher.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Stilistik und Korpuslinguistik untersuchen semantische Distanz, syntaktische Reihung und kommunikative Funktion. Historische Terminologiearbeit klärt die Überschneidung von Figura synonymia und Synonymia.

Beispiel

»Er war müde, erschöpft, ausgezehrt« führt drei nahe Beschreibungen auf denselben Zustand zurück und steigert dessen Wahrnehmung von gewöhnlicher Müdigkeit bis zur völligen Entkräftung.

Gegenbeispiel

»Der Raum enthielt einen Tisch, zwei Stühle und ein Regal« zählt verschiedene Gegenstände auf. Weil die Ausdrücke weder denselben Referenzbereich entfalten noch synonymisch verstärken, liegt keine Figura synonymia vor.

Abgrenzung

Mit Synonymia historisch und sachlich weitgehend deckungsgleich; von lexikalischer Synonymie, Congeries, Auxesis, Tautologie, Pleonasmus, Enumeratio und bloßer Wortvariation unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Die Figur erhöht Nachdruck und Anschaulichkeit, lässt Bedeutungsnuancen nebeneinander hörbar werden und kann eine Behauptung zugleich präzisieren oder affektiv überladen.

Resonanz

Mehrere Wörter treten um dieselbe Sache herum und beleuchten sie aus leicht versetzten Winkeln; aus ihrer Nähe entsteht eine Kontur, die eines allein nicht gezeichnet hätte.

Etymologie

deutsche und internationale Fachtradition · Herkunft im Profil

Provenienz

Metzler 6 → Vollabgleich → Resonanzprüfung → zweisprachiger Sichtlauf → ATLAS_182

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Figura synonymia“. Atlas der Sprache, AT-RES6B-0004. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RES6B-0004

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RES6B-0004

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Historischer Hintergrund

Auf Seite 324 unterscheidet Bullinger 1898 ähnliche Wortbedeutungen von ihrer figurativen Verwendung: Erst die nachdrückliche Häufung macht daraus Synonymia. Er hebt unterschiedliche Lautung und Herkunft der Wörter hervor und verbindet die Wiederholung mit gesteigerter Wirkung. Der Beleg erklärt die rhetorische Figur; er beweist weder völlige Bedeutungsgleichheit noch eine eigenständige Geschichte der deutschen Benennung Figura synonymia.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Die Figur verlangt eine funktionale Analyse der Häufung zusätzlich zur lexikalischen Ähnlichkeit.