ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR10-0005 · ATLAS 260

Gleichnis

Ausdrücklicher Vergleich, der eine Wahrnehmung oder Eigenschaft über eine markierte Ähnlichkeit erschließt.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Das vorliegende Gleichnisprofil erschließt den ausdrücklich markierten bildlichen Vergleich und seine begrenzte Übertragung. Diese Operation ergänzt Metapher, weil die Trennung der Bereiche sichtbar bleibt. Die deutsche Bezeichnung Gleichnis kann jedoch auch eine ausgeführte Erzählform meinen; dieser Umfang ist gegenüber der englischen Benennung Simile und dem vorhandenen Vergleichsprofil zu prüfen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ein Gleichnis erschließt einen Gegenstand durch einen ausdrücklich markierten Vergleich. Wörter wie »wie«, »als« oder »gleich« halten die beiden Bereiche erkennbar getrennt und laden dazu ein, eine ausgewählte Ähnlichkeit zwischen ihnen zu verfolgen. In »Die Erinnerung lag wie Staub auf jedem Satz« werden nicht alle Eigenschaften von Staub übertragen; relevant sind etwa feine Ablagerung, Allgegenwart und die Spur vergangener Zeit. Die Figur ist deshalb keine Behauptung vollständiger Gleichheit, sondern ein gelenktes Prüfangebot. Sie kann abstrakte Erfahrung anschaulich machen, Wahrnehmung verlangsamen und neue Folgerungen öffnen. Ihre Erkenntniskraft hängt zugleich von der Grenze ab: Gute Analyse benennt, welche Merkmale tragen, wo der Vergleich bricht und welche Wertungen der gewählte Bildbereich unbemerkt mitführt.

Denkbewegung

1. Ein Gegenstand oder eine Erfahrung bleibt zunächst abstrakt, schwer wahrnehmbar oder in ihren Eigenschaften noch nicht hinreichend gegliedert. 2. Die Rede stellt ausdrücklich einen zweiten Erfahrungsbereich daneben und markiert mit einem Vergleichssignal die vorgeschlagene Ähnlichkeit. 3. Hörende wählen übertragbare Merkmale aus und sehen den ersten Gegenstand unter einer neuen, anschaulichen Perspektive. 4. Die Gegenprobe sucht Eigenschaften, die nicht übertragbar sind, und prüft, ob die Brücke erhellt oder eine irreführende Gleichheit nahelegt. 5. Beide Bereiche treten wieder auseinander, doch der Ausgangsgegenstand behält eine durch den Vergleich gewonnene Struktur und Färbung.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Kognitionslinguistik und Literaturwissenschaft können Vergleichsmarker, Quell- und Zielbereiche sowie ausgewählte Merkmale annotieren. Rezeptionsstudien prüfen, welche Inferenzen verschiedene Leser tatsächlich bilden und wo kulturelle Bildkenntnis nötig ist.

Beispiel

»Die unausgesprochene Frage stand wie eine offene Tür zwischen ihnen.« Der Vergleich macht Zugänglichkeit und Hindernis zugleich sichtbar, ohne Frage und Tür gleichzusetzen.

Gegenbeispiel

»Die Erinnerung war schwach« beschreibt unmittelbar eine Eigenschaft und stellt keinen zweiten Erfahrungsbereich daneben. Ohne markierte Ähnlichkeitsbrücke liegt kein Gleichnis vor.

Abgrenzung

Von Metapher als meist unmarkierter Übertragung, Analogie als struktureller Entsprechung und Beispiel als konkretem Einzelfall unterscheiden. Das Gleichnis signalisiert den Vergleich und behauptet nur relevante, begrenzte Ähnlichkeit.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Das Gleichnis macht schwer Fassbares anschaulich und hält zugleich die Differenz der verglichenen Bereiche sichtbar; dadurch bleibt die Übertragung prüfbar.

Resonanz

Zwei getrennte Erfahrungsräume antworten über eine ausdrücklich sichtbare Brücke aufeinander, ohne ihre Eigenart vollständig preiszugeben.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Denkbewegung → DE/EN-Doppelfassung → Vergleichsfiguren → ATLAS_173

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Gleichnis“. Atlas der Sprache, AT-HAR10-0005. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR10-0005

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR10-0005

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Bullinger trennt Simile 1898 als erklärte Ähnlichkeit von metaphorischer Repräsentation und bloß angedeutetem Vergleich. Seine wertenden Aussagen über Kälte oder vollkommene biblische Beispiele bleiben historische Urteile, keine übernommenen Wirkungsgesetze. Tragfähig ist die Forderung, den jeweiligen Ähnlichkeitspunkt kenntlich zu halten. Die Atlasanalyse übernimmt nicht alle Eigenschaften des Vergleichsbildes auf den Ausgangsgegenstand. Der englische Beleg stützt diesen rhetorischen Sinn von Simile; er beweist nicht die Deckung aller deutschen Gleichnis-Sinne, einschließlich längerer exemplarischer Erzählungen.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Vergleich erschließt ausgewählte Ähnlichkeit, keine vollständige Identität.