Vertiefung
Gemeinplatz bezeichnet historisch einen allgemein verfügbaren Gedanken- oder Argumentationsort, auf den Redende in unterschiedlichen Fällen zurückgreifen können. In diesem rhetorischen Sinn ist das Gemeine das Geteilte, nicht notwendig das Banale: Über Gerechtigkeit, Vergänglichkeit, Nutzen oder Gegensatz lassen sich bekannte Denkwege erschließen und für einen konkreten Fall ausarbeiten. Im neueren Alltagsgebrauch nähert sich das Wort dagegen der Plattitüde, also einer abgegriffenen Aussage ohne erkennbaren Erkenntnisgewinn. Beide Bedeutungen müssen getrennt werden. Ein Topos kann ein produktives Suchschema sein, während seine gedankenlose Wiederholung zum Klischee erstarrt. Die Denkbewegung beginnt bei kollektiv verfügbarem Vorwissen, führt es in eine neue Situation und prüft, ob daraus ein tragfähiges Argument oder nur die beruhigende Wiederkehr des ohnehin Gesagten entsteht.
Denkbewegung
1. Eine Gemeinschaft verfügt zunächst über wiederkehrende Wertungen, Gegensatzpaare und argumentative Muster, die nicht jedes Mal neu erfunden werden. 2. Redende wählen einen solchen geteilten Ort und beziehen ihn auf die besondere Frage, das Publikum und das verfügbare Material. 3. Die konkrete Ausarbeitung kann Bekanntes neu ordnen, einen Schluss plausibilisieren oder eine gemeinsame Voraussetzung erst sichtbar machen. 4. Die Gegenprobe trennt produktiven rhetorischen Gemeinplatz von leerer Plattitüde, Klischee und unbegründetem Berufungswissen. 5. Das Allgemeine kehrt im Einzelfall verändert zurück; seine Qualität zeigt sich daran, ob es Denken eröffnet oder nur Wiederholung verdeckt.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Rhetorik, Begriffsgeschichte und Korpusforschung unterscheiden loci communes, wiederkehrende Argumentationsmuster und moderne Pejoration. Fallanalysen prüfen, wie ein Topos kontextspezifisch ausgearbeitet wird.
Beispiel
Der Gemeinplatz von der Vergänglichkeit kann in einer Gedenkrede nicht nur Verlust benennen, sondern die Frage öffnen, welche Handlungen und Erinnerungen über ein Leben hinaus weiterwirken.
Gegenbeispiel
»Am Ende wird alles gut« wird ohne Begründung und ohne Bezug auf den konkreten Konflikt wiederholt. Das ist eher eine Plattitüde als die produktive Ausarbeitung eines rhetorischen Ortes.
Abgrenzung
Vom Topos als umfassenderem Such- und Argumentationsschema, von locus communis, Gemeinsinn, Endoxon, Sentenz, Klischee und Plattitüde unterscheiden; historischen Sprachgebrauch angeben.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Gemeinplätze stellen gemeinsames Orientierungswissen bereit und beschleunigen Verständigung; unbefragt wiederholt können sie Konflikte glätten, Vorurteile transportieren und Erkenntnis vortäuschen.
Resonanz
Ein alter Denkweg liegt vielen offen; wenn eine neue Erfahrung ihn betritt, kann er anders klingen — oder unter zu vielen gedankenlosen Schritten unhörbar werden.
Etymologie
fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen
Provenienz
Offenes Beziehungsnetz → zweiter Grundbegriffscheck → Metzler/HWRh-Abgleich → ATLAS_239
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Gemeinplatz“. Atlas der Sprache, AT-CORE-239-019. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-239-019Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Aristoteles unterscheidet wiederverwendbare Argumentationswege von allgemein vertrauten Maximen. Das eine bietet eine Struktur zum Finden von Gründen, das andere einen bekannten allgemeinen Ausspruch. Die heutige Bezeichnung Gemeinplatz kann beide Bereiche nahelegen, weshalb der historische Vergleich gerade nicht in einem einzigen Sinn aufgeht. Eine übertragbare Schlussfrage und ein vertrautes Sprichwort sind wiederverwendbar, aber nicht auf dieselbe Weise.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Wir prüfen, ob eine Struktur des Begründens oder nur eine verbreitete Aussage eingesetzt wird. Vertrautheit allein macht einen Satz nicht zu einem tragfähigen Argument.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Aristotle, Rhetoric; English translation by W. Rhys Roberts, Internet Classics Archive transcription · Rhetoric I.2, common and special lines of argument; II.21, familiar maxims
Selected historical passage, not a complete genealogy or an English first attestation. Atlas examples and present-day countertests are editorial applications. Ancient argument inspected in English translation; Greek/Latin wording and manuscript transmission not independently collated. The online transcription contains apparent errors.
- Aristotle, Rhetoric; English translation by W. Rhys Roberts, Internet Classics Archive transcription · Rhetoric I.2, common and special lines of argument; II.21, familiar maxims
Selected historical passage, not a complete genealogy or an English first attestation. Atlas examples and present-day countertests are editorial applications. Ancient argument inspected in English translation; Greek/Latin wording and manuscript transmission not independently collated. The online transcription contains apparent errors.