ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR4-0003 · ATLAS 260

Pleonasmus

Verbindung bedeutungsgleicher oder bereits mitgemeinter Ausdrücke.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Pleonasmus eröffnet eine gezielte Streichprobe: Fügt ein Bestandteil neue Information hinzu, und was verändert sich trotzdem beim Weglassen? Damit trennt er semantische Redundanz von pragmatischem Nachdruck oder Kontextkorrektur. Der Beitrag liegt darin, scheinbare Überflüssigkeit nicht schon vor der Untersuchung als Fehler zu behandeln.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ein Pleonasmus verbindet Ausdrücke, deren Bedeutung ganz oder teilweise bereits im jeweils anderen Bestandteil enthalten ist. Die scheinbare Redundanz kann unbeabsichtigt entstehen, idiomatisch erstarrt sein oder bewusst Nachdruck, Rhythmus, Anschaulichkeit und Eindeutigkeit erzeugen. Ob eine Information tatsächlich doppelt erscheint, hängt vom Kontext und von der angenommenen Bedeutungsanalyse ab: Was logisch entbehrlich wirkt, kann pragmatisch eine Korrektur, Intensivierung oder Kontrastierung leisten. Die Denkbewegung entfernt probeweise einen Bestandteil, vergleicht Wahrheitsbedingungen und Gebrauchswirkung und entscheidet erst danach, ob Fehler, konventionelle Verbindung oder rhetorisch funktionale Wiederholung vorliegt.

Denkbewegung

1. Die Bedeutungsanteile der benachbarten Ausdrücke werden zunächst unabhängig voneinander bestimmt. 2. Ein Tilgungstest zeigt, welche Information nach Entfernung eines Bestandteils erhalten bleibt. 3. Kontext und Prosodie prüfen, ob die Wiederholung korrigiert, kontrastiert oder intensiviert. 4. Sprachgeschichte und feste Wendungen erklären mögliche konventionelle statt aktuelle Redundanz. 5. Die Schlussanalyse trennt stilistischen Fehler, neutrale Idiomatik und funktionalen rhetorischen Nachdruck.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Stilistik, Semantik, Pragmatik, Sprachkritik und historische Linguistik untersuchen Pleonasmen mit Tilgungs-, Kontrast- und Korpustests. So lässt sich normativer Tadel von idiomatischer Entwicklung und kommunikativer Funktion trennen.

Beispiel

Eine Zeugin betont, sie habe den Vorgang „mit eigenen Augen selbst gesehen“. Die Aussage gewinnt keine neue Ereignisinformation, verstärkt aber persönliche Unmittelbarkeit und Verantwortungsübernahme.

Gegenbeispiel

Eine bloß ausführliche Formulierung ist kein Pleonasmus, wenn jeder Bestandteil einen eigenständigen Bedeutungsbeitrag leistet. Ebenso kann eine scheinbare Doppelung einen relevanten Gegensatz markieren und dann semantisch notwendig sein.

Abgrenzung

Von Tautologie, Wiederholungsfigur und bloßer Weitschweifigkeit unterscheiden. Pleonasmus betrifft semantisch bereits mitenthaltene Information innerhalb einer Verbindung; Tautologie kann ganze Aussagen logisch wiederholen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Pleonasmus kann eine Aussage eindringlich, merkfähig oder unmissverständlich machen. Unreflektiert eingesetzt wirkt er schwerfällig; gezielt verwendet lässt er einen Bedeutungsanteil besonders deutlich hervortreten.

Resonanz

Ein Gedanke klingt in einem zweiten Ausdruck noch einmal an. Die Wiederkehr kann wie überflüssiges Echo wirken oder genau jene Verstärkung erzeugen, durch die der Sinn Gewicht erhält.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Register → Dublettenabgleich → unabhängige Neufassung → Erweiterungsfiguren → ATLAS_149

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Pleonasmus“. Atlas der Sprache, AT-HAR4-0003. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR4-0003

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR4-0003

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Quintilian wendet sich in IX.3.45–47 gegen die pauschale Verurteilung sprachlicher Fülle. Eine Ergänzung kann wörtlich entbehrlich sein und dennoch einen emotionalen oder wahrnehmungsbezogenen Nachdruck erzeugen. Er unterscheidet belastende Überflüssigkeit von sinnvoller Verstärkung und bemerkt, dass eine sehr weite Pleonasmusdefinition zahlreiche andere Wiederholungen einschließen würde. Im Atlas lässt sich eine schlichte Beobachtungsmitteilung mit der betonten Behauptung persönlicher Augenzeugenschaft vergleichen. Der Informationszuwachs ist gering, der beanspruchte Nachdruck dagegen deutlich; dadurch wird das Zeugnis aber nicht zuverlässiger. Die Passage dokumentiert eine antike Bewertungsdebatte, keine allgemeine Erlaubnis zu Wortfülle oder vollständige Geschichte des englischen Fachwortes.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Streiche den vermeintlich überflüssigen Ausdruck und vergleiche Inhalt, Nachdruck und Sprecherposition. Bleibt die Information gleich, kann sich die kommunikative Leistung dennoch ändern. Mehr Nachdruck liefert aber keine zusätzliche Evidenz.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.