Vertiefung
Ein Pleonasmus verbindet Ausdrücke, deren Bedeutung ganz oder teilweise bereits im jeweils anderen Bestandteil enthalten ist. Die scheinbare Redundanz kann unbeabsichtigt entstehen, idiomatisch erstarrt sein oder bewusst Nachdruck, Rhythmus, Anschaulichkeit und Eindeutigkeit erzeugen. Ob eine Information tatsächlich doppelt erscheint, hängt vom Kontext und von der angenommenen Bedeutungsanalyse ab: Was logisch entbehrlich wirkt, kann pragmatisch eine Korrektur, Intensivierung oder Kontrastierung leisten. Die Denkbewegung entfernt probeweise einen Bestandteil, vergleicht Wahrheitsbedingungen und Gebrauchswirkung und entscheidet erst danach, ob Fehler, konventionelle Verbindung oder rhetorisch funktionale Wiederholung vorliegt.
Denkbewegung
1. Die Bedeutungsanteile der benachbarten Ausdrücke werden zunächst unabhängig voneinander bestimmt. 2. Ein Tilgungstest zeigt, welche Information nach Entfernung eines Bestandteils erhalten bleibt. 3. Kontext und Prosodie prüfen, ob die Wiederholung korrigiert, kontrastiert oder intensiviert. 4. Sprachgeschichte und feste Wendungen erklären mögliche konventionelle statt aktuelle Redundanz. 5. Die Schlussanalyse trennt stilistischen Fehler, neutrale Idiomatik und funktionalen rhetorischen Nachdruck.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Stilistik, Semantik, Pragmatik, Sprachkritik und historische Linguistik untersuchen Pleonasmen mit Tilgungs-, Kontrast- und Korpustests. So lässt sich normativer Tadel von idiomatischer Entwicklung und kommunikativer Funktion trennen.
Beispiel
Eine Zeugin betont, sie habe den Vorgang „mit eigenen Augen selbst gesehen“. Die Aussage gewinnt keine neue Ereignisinformation, verstärkt aber persönliche Unmittelbarkeit und Verantwortungsübernahme.
Gegenbeispiel
Eine bloß ausführliche Formulierung ist kein Pleonasmus, wenn jeder Bestandteil einen eigenständigen Bedeutungsbeitrag leistet. Ebenso kann eine scheinbare Doppelung einen relevanten Gegensatz markieren und dann semantisch notwendig sein.
Abgrenzung
Von Tautologie, Wiederholungsfigur und bloßer Weitschweifigkeit unterscheiden. Pleonasmus betrifft semantisch bereits mitenthaltene Information innerhalb einer Verbindung; Tautologie kann ganze Aussagen logisch wiederholen.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Pleonasmus kann eine Aussage eindringlich, merkfähig oder unmissverständlich machen. Unreflektiert eingesetzt wirkt er schwerfällig; gezielt verwendet lässt er einen Bedeutungsanteil besonders deutlich hervortreten.
Resonanz
Ein Gedanke klingt in einem zweiten Ausdruck noch einmal an. Die Wiederkehr kann wie überflüssiges Echo wirken oder genau jene Verstärkung erzeugen, durch die der Sinn Gewicht erhält.
Etymologie
griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass
Provenienz
Harjung-Register → Dublettenabgleich → unabhängige Neufassung → Erweiterungsfiguren → ATLAS_149
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Pleonasmus“. Atlas der Sprache, AT-HAR4-0003. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR4-0003Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Quintilian wendet sich in IX.3.45–47 gegen die pauschale Verurteilung sprachlicher Fülle. Eine Ergänzung kann wörtlich entbehrlich sein und dennoch einen emotionalen oder wahrnehmungsbezogenen Nachdruck erzeugen. Er unterscheidet belastende Überflüssigkeit von sinnvoller Verstärkung und bemerkt, dass eine sehr weite Pleonasmusdefinition zahlreiche andere Wiederholungen einschließen würde. Im Atlas lässt sich eine schlichte Beobachtungsmitteilung mit der betonten Behauptung persönlicher Augenzeugenschaft vergleichen. Der Informationszuwachs ist gering, der beanspruchte Nachdruck dagegen deutlich; dadurch wird das Zeugnis aber nicht zuverlässiger. Die Passage dokumentiert eine antike Bewertungsdebatte, keine allgemeine Erlaubnis zu Wortfülle oder vollständige Geschichte des englischen Fachwortes.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Streiche den vermeintlich überflüssigen Ausdruck und vergleiche Inhalt, Nachdruck und Sprecherposition. Bleibt die Information gleich, kann sich die kommunikative Leistung dennoch ändern. Mehr Nachdruck liefert aber keine zusätzliche Evidenz.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Quintilian, Institutio oratoria IX.3; H. E. Butler, English translation, Loeb Classical Library III (1920) · IX.3.45–47
Selected historical passage, not a complete genealogy or an English first attestation. Atlas examples and present-day countertests are editorial applications. Ancient argument inspected in English translation; Greek/Latin wording and manuscript transmission not independently collated. The online transcription contains apparent errors.