Vertiefung
Periphrase ersetzt eine direkte, meist kürzere Benennung durch eine beschreibende oder charakterisierende Wendung. Sie kann Eigenschaften hervorheben, einen Namen vermeiden, Wissen aktivieren, Tabus umgehen oder einen Gegenstand feierlich, ironisch beziehungsweise wertend rahmen. Die Umschreibung referiert nicht bloß umständlicher; ihre Auswahl entscheidet, unter welchem Aspekt der Referent erscheint. Ob sie verständlich ist, hängt von gemeinsamem Wissen und Kontext ab. Die Denkbewegung rekonstruiert die direkte Benennung, bestimmt die ausgewählten Merkmale und prüft, welche Perspektive, soziale Rücksicht oder strategische Mehrdeutigkeit durch den Umweg entsteht.
Denkbewegung
1. Die beschreibende Wendung wird zunächst auf den wahrscheinlich gemeinten Referenten zurückgeführt. 2. Ihre einzelnen Merkmale werden auf Identifikationskraft und kulturelles Vorwissen geprüft. 3. Eine direkte Benennung dient als Vergleich für Länge, Ton und Informationsgewicht. 4. Der Kontext zeigt, ob Vermeidung, Würdigung, Ironie, Euphemisierung oder Rätselwirkung dominiert. 5. Alternative Umschreibungen machen sichtbar, wie jede Merkmalsauswahl den Referenten anders rahmt.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Rhetorik, Onomastik, Pragmatik, Übersetzungswissenschaft und Diskursanalyse untersuchen Periphrasen nach Referenzwissen, Wertung und Vermeidungsfunktion. Historische Forschung rekonstruiert verlorene Anspielungen und wechselnde Tabus.
Beispiel
Statt den Namen einer Stadt zu nennen, spricht ein Essay von „der Hafenstadt, in der die Speicher bis ans Wasser treten“. Die Umschreibung identifiziert und perspektiviert zugleich.
Gegenbeispiel
Eine notwendige Sachbeschreibung ist keine Periphrase, wenn keine etablierte oder kontextuell mögliche direkte Benennung ersetzt wird. Auch bloße Wortfülle ohne identifizierbaren Referenzumweg genügt nicht.
Abgrenzung
Von Antonomasie, Euphemismus und Definition unterscheiden. Periphrase ist die beschreibende Ersatzbenennung allgemein; Antonomasie spezialisiert den Austausch zwischen Eigenname und charakterisierender Bezeichnung.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Periphrase verlangsamt Benennung und öffnet einen interpretativen Umweg. Sie kann Anschaulichkeit, Feierlichkeit und Schonung erzeugen, aber ebenso verschleiern, ausgrenzen oder stereotype Merkmale befestigen.
Resonanz
Der Name tritt zurück, und mehrere Eigenschaften beginnen gemeinsam auf den Gegenstand zu weisen. Im Umweg wird nicht nur erkannt, sondern bereits eine Haltung zum Benannten hörbar.
Etymologie
griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass
Provenienz
Harjung-Register → Dublettenabgleich → unabhängige Neufassung → Benennungsfiguren → ATLAS_149
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Periphrase“. Atlas der Sprache, AT-HAR4-0002. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR4-0002Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Bullinger definiert Periphrasis 1898 als beschreibende Wendung anstelle eines Namens. Er unterscheidet eine nachdrückliche Verwendung, die Eigenschaften hervorhebt, von einer euphemistischen, die einen direkteren Ausdruck vermeidet. Damit ist die Figur nicht einfach jede Mehrwortbenennung. Entscheidend ist die Wahl eines Umwegs gegenüber einer im Kontext verfügbaren kürzeren Bezeichnung. Dieser Umweg kann Information hinzufügen, Perspektive setzen oder Verantwortung verschleiern. Der Atlas sollte daher prüfen, welcher direkte Ausdruck ersetzt wird und welche Eigenschaften die Umschreibung sichtbar oder unsichtbar macht. In Grammatik und Sprachvergleich bezeichnet periphrastic außerdem analytische Konstruktionen im Gegensatz zu synthetischen Formen; diese fachliche Erweiterung ist nicht durch Bullingers rhetorischen Eintrag belegt. Deutsch Periphrase und englisch periphrasis überlappen in der Rhetorik, während periphrastic in der Linguistik weitere Verwendungen besitzt. Diese Zweige brauchen getrennte historische Quellen.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Periphrase ersetzt eine verfügbare Benennung durch eine beschreibende Wendung; ihre Wirkung liegt in der Auswahl und Gewichtung von Merkmalen, nicht in Mehrwortigkeit allein.