ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR9-0008 · ATLAS 260

Antonomasia

Ersetzung eines Eigennamens durch eine kennzeichnende Bezeichnung oder eines Gattungsworts durch einen berühmten Namen.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Antonomasia erschließt den identifizierenden Austausch zwischen Eigenname und Kennzeichnung und zeigt, wie typisierende Namen perspektivieren. Ein Epitheton kann ergänzen, ohne den Eigennamen in der Identifikation zu ersetzen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Antonomasia ersetzt einen Eigennamen durch eine kennzeichnende Bezeichnung oder verwendet umgekehrt einen berühmten Namen als Bezeichnung für einen Typus. Benennen wird dadurch zur verdichteten Interpretation: Eine Rolle, Leistung, Herkunft oder kulturelle Erzählung tritt an die Stelle der offenen Identität. Das kann Wissen ökonomisch aktivieren, ehren oder ironisieren, aber auch Menschen auf eine Eigenschaft reduzieren und stereotype Maßstäbe fortschreiben. Die Analyse rekonstruiert Referent und Ersetzungsrichtung, identifiziert das vorausgesetzte Kulturwissen und fragt, welche Merkmale hervorgehoben beziehungsweise ausgelöscht werden. Bei übersetzten oder interkulturellen Texten muss zudem geprüft werden, ob die Anspielung zugänglich bleibt.

Denkbewegung

1. Referent, ersetzender Ausdruck und Richtung zwischen Eigenname und kennzeichnender Bezeichnung werden bestimmt. 2. Das kulturelle Wissen wird rekonstruiert, das die Identifikation und Wertung des Ersatznamens ermöglicht. 3. Hervorgehobene Eigenschaften und dadurch verdeckte Rollen, Leistungen oder Widersprüche werden verglichen. 4. Historische, soziale und interkulturelle Perspektiven prüfen Verständlichkeit, Stereotyp und Macht der Benennung. 5. Eine direkte Namensform zeigt, welche Erinnerung, Rangordnung und affektive Ladung durch Antonomasia hinzukommt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Onomastik, Übersetzungs-, Erinnerungs-, Medien- und Celebrity-Forschung untersuchen Antonomasia durch Referenzauflösung und Wissensrahmen. Korpusvergleiche zeigen, welche Epitheta kanonisieren, stereotypisieren oder kulturabhängig unverständlich werden.

Beispiel

Eine Kritikerin nennt eine Musikerin „die Kartographin des gebrochenen Takts“. Die Bezeichnung identifiziert sie über eine interpretierte Leistung und lenkt jede folgende Wahrnehmung darauf.

Gegenbeispiel

Spitzname, Berufsbezeichnung oder jede Periphrase ist nicht automatisch Antonomasia. Der Ersatz muss eine identifizierende oder typisierende kulturelle Kennzeichnung an die Stelle der gewöhnlichen Benennung setzen.

Abgrenzung

Von Periphrase, Metonymie, Epitheton und Eponym unterscheiden. Antonomasia ersetzt identifizierend Eigenname und Kennzeichnung gegeneinander; Periphrase umschreibt allgemeiner, Metonymie beruht auf Kontiguität.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Antonomasia verdichtet Erinnerung und Wertung in einer markanten Benennung. Sie kann ehren, ironisieren und Typen bilden, zugleich aber komplexe Personen auf kulturell bequeme Merkmale reduzieren.

Resonanz

Ein Name wird durch eine kulturell geladene Umlaufbahn ersetzt. Der Referent erscheint im Nachhall vieler früherer Geschichten, die mit der Bezeichnung zugleich aufgerufen werden.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Benennungsfiguren → ATLAS_154

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Antonomasia“. Atlas der Sprache, AT-HAR9-0008. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR9-0008

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR9-0008

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Historischer Hintergrund

Bullinger beschreibt Antonomasia 1898 in zwei Richtungen: Ein Eigenname kann appellativisch gebraucht werden, oder eine kennzeichnende Bezeichnung kann einen Eigennamen vertreten. Zu seinen Beispielen gehören Titel und Rollenbezeichnungen sowie die Benennung eines weisen Menschen als Solomon. Der Beleg verbindet somit Referenzersatz mit charakterisierender Typisierung. Er belegt weder den deutschen Entlehnungsweg noch die tatsächliche Herkunft aller angeführten Namen.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Rollenersatz und exemplarische Typisierung sollten im Profil als unterscheidbare Anwendungen sichtbar bleiben.