Vertiefung
Metonymie benennt etwas durch einen Ausdruck aus demselben sachlichen oder erfahrungsbezogenen Zusammenhang. „Berlin reagierte“ lässt den Ort für dort handelnde politische Institutionen stehen; „ein Glas trinken“ verschiebt vom Behälter auf den Inhalt. Anders als die Metapher führt Metonymie nicht primär über wahrgenommene Ähnlichkeit in einen fremden Bereich, sondern folgt Nähebeziehungen wie Ort–Institution, Ursache–Wirkung, Produzent–Werk oder Teil–Ganzes. Welche Verbindung verständlich wird, hängt von kulturellem Wissen und Situation ab. Metonymie verdichtet, indem sie einen Zugangspunkt auswählt und den übrigen Zusammenhang mitaktiviert. Dabei kann sie Verantwortung sichtbar machen, aber auch verdecken, wenn Institutionen, Menschen und Handlungen ineinander geschoben werden.
Denkbewegung
1. Ein komplexer Zusammenhang enthält mehrere regelmäßig miteinander verbundene Elemente. 2. Ein Element wird sprachlich als Zugangspunkt für ein anderes ausgewählt. 3. Hörende folgen der bekannten Nähebeziehung zum gemeinten Ziel. 4. Eine Gegenprobe prüft, welche Beteiligten oder Verantwortlichkeiten die Verkürzung hervorhebt oder verdeckt. 5. Der benannte Ausschnitt kehrt als Träger eines größeren Zusammenhangs in die Aussage zurück.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Korpusanalysen können wiederkehrende Quell-Ziel-Beziehungen annotieren und untersuchen, welche Akteure Nachrichtenüberschriften metonymisch sichtbar machen. Experimente prüfen, ob verschiedene Zugangspunkte Verantwortung und Bewertung verändern.
Beispiel
Berlin reagierte zurückhaltend. „Das Weiße Haus erklärte …“ bezeichnet weder das Gebäude als Sprecher noch bloß einen geografischen Ort. Die Institution und ihre autorisierten Akteure werden über ihren Sitz zugänglich gemacht.
Gegenbeispiel
Der Fuß des Berges beruht auf bildlicher Ähnlichkeit. „Der Fuß des Berges“ wird gewöhnlich über Form- oder Lageähnlichkeit metaphorisch verstanden. Fehlt eine etablierte Nähebeziehung und muss erst eine Ähnlichkeit zwischen Bereichen konstruiert werden, spricht dies gegen eine primär metonymische Analyse.
Abgrenzung
Von Metapher und Synekdoche unterscheiden. Metapher strukturiert einen Bereich durch einen anderen auf Grundlage einer projizierten Ähnlichkeit; Synekdoche wird häufig enger als Teil-Ganzes- oder Art-Gattungs-Beziehung gefasst.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Metonymie verdichtet Zusammenhänge in einem ausgewählten Zugangspunkt und lenkt Aufmerksamkeit auf bestimmte Teile, Orte, Ursachen oder Träger.
Resonanz
Ein Element ruft den Zusammenhang auf, in dem es steht; das Genannte lässt das benachbarte Ungenannte als mitwirkenden Hintergrund erklingen.
Etymologie
Etymologische Vertiefung offen
Provenienz
Rhetorik/Stilistik → Metonymie → gegenwärtige Fachverwendung
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Metonymie“. Atlas der Sprache, AT-091-004. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-091-004Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Bullinger definiert Metonymy 1898 durch den Ersatz einer Benennung durch eine andere, die in einer bestimmten Beziehung zu ihr steht. Ausdrücklich entscheidend ist für ihn Relation statt Ähnlichkeit. Er gliedert die Figur in Ursache, Wirkung, Gegenstand und zugehörigen Umstand; Hand für Schriftzüge illustriert eine solche Zuordnung. Seine namensbezogenen Herkunftsbeispiele sind hier nur Aussagen dieses Handbuchs, keine separat bestätigten Etymologien.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Zu bestimmen ist die konkrete Referenzrelation, nicht allein eine ungewöhnliche Wortwahl.