ATLAS DER SPRACHE

AT-091-004 · ATLAS 260

Metonymie

Benennung eines Gegenstands durch einen sachlich benachbarten Ausdruck.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Metonymie erschließt die Auswahl eines Zugangspunkts innerhalb eines Zusammenhangs: Ein Ort kann für eine Institution, ein Behälter für seinen Inhalt stehen. Dadurch lässt sich prüfen, welche Beteiligten eine verdichtete Benennung sichtbar macht und welche sie verdeckt. Sie ergänzt Metapher durch eine andere Art der Bedeutungsverschiebung, nicht durch eine bloß zusätzliche Figurenbezeichnung.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Metonymie benennt etwas durch einen Ausdruck aus demselben sachlichen oder erfahrungsbezogenen Zusammenhang. „Berlin reagierte“ lässt den Ort für dort handelnde politische Institutionen stehen; „ein Glas trinken“ verschiebt vom Behälter auf den Inhalt. Anders als die Metapher führt Metonymie nicht primär über wahrgenommene Ähnlichkeit in einen fremden Bereich, sondern folgt Nähebeziehungen wie Ort–Institution, Ursache–Wirkung, Produzent–Werk oder Teil–Ganzes. Welche Verbindung verständlich wird, hängt von kulturellem Wissen und Situation ab. Metonymie verdichtet, indem sie einen Zugangspunkt auswählt und den übrigen Zusammenhang mitaktiviert. Dabei kann sie Verantwortung sichtbar machen, aber auch verdecken, wenn Institutionen, Menschen und Handlungen ineinander geschoben werden.

Denkbewegung

1. Ein komplexer Zusammenhang enthält mehrere regelmäßig miteinander verbundene Elemente. 2. Ein Element wird sprachlich als Zugangspunkt für ein anderes ausgewählt. 3. Hörende folgen der bekannten Nähebeziehung zum gemeinten Ziel. 4. Eine Gegenprobe prüft, welche Beteiligten oder Verantwortlichkeiten die Verkürzung hervorhebt oder verdeckt. 5. Der benannte Ausschnitt kehrt als Träger eines größeren Zusammenhangs in die Aussage zurück.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Korpusanalysen können wiederkehrende Quell-Ziel-Beziehungen annotieren und untersuchen, welche Akteure Nachrichtenüberschriften metonymisch sichtbar machen. Experimente prüfen, ob verschiedene Zugangspunkte Verantwortung und Bewertung verändern.

Beispiel

Berlin reagierte zurückhaltend. „Das Weiße Haus erklärte …“ bezeichnet weder das Gebäude als Sprecher noch bloß einen geografischen Ort. Die Institution und ihre autorisierten Akteure werden über ihren Sitz zugänglich gemacht.

Gegenbeispiel

Der Fuß des Berges beruht auf bildlicher Ähnlichkeit. „Der Fuß des Berges“ wird gewöhnlich über Form- oder Lageähnlichkeit metaphorisch verstanden. Fehlt eine etablierte Nähebeziehung und muss erst eine Ähnlichkeit zwischen Bereichen konstruiert werden, spricht dies gegen eine primär metonymische Analyse.

Abgrenzung

Von Metapher und Synekdoche unterscheiden. Metapher strukturiert einen Bereich durch einen anderen auf Grundlage einer projizierten Ähnlichkeit; Synekdoche wird häufig enger als Teil-Ganzes- oder Art-Gattungs-Beziehung gefasst.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Metonymie verdichtet Zusammenhänge in einem ausgewählten Zugangspunkt und lenkt Aufmerksamkeit auf bestimmte Teile, Orte, Ursachen oder Träger.

Resonanz

Ein Element ruft den Zusammenhang auf, in dem es steht; das Genannte lässt das benachbarte Ungenannte als mitwirkenden Hintergrund erklingen.

Etymologie

Etymologische Vertiefung offen

Provenienz

Rhetorik/Stilistik → Metonymie → gegenwärtige Fachverwendung

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Metonymie“. Atlas der Sprache, AT-091-004. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-091-004

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-091-004

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Historischer Hintergrund

Bullinger definiert Metonymy 1898 durch den Ersatz einer Benennung durch eine andere, die in einer bestimmten Beziehung zu ihr steht. Ausdrücklich entscheidend ist für ihn Relation statt Ähnlichkeit. Er gliedert die Figur in Ursache, Wirkung, Gegenstand und zugehörigen Umstand; Hand für Schriftzüge illustriert eine solche Zuordnung. Seine namensbezogenen Herkunftsbeispiele sind hier nur Aussagen dieses Handbuchs, keine separat bestätigten Etymologien.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Zu bestimmen ist die konkrete Referenzrelation, nicht allein eine ungewöhnliche Wortwahl.