ATLAS DER SPRACHE

AT-134-023 · ATLAS 260

Antonomasie

Ersetzung eines Eigennamens durch eine charakterisierende Bezeichnung oder umgekehrt.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Antonomasie macht den Übergang zwischen Identifikation und Typisierung sichtbar. Eine Eigenschaft kann einen Namen ersetzen, während ein Name umgekehrt zum Charaktertyp wird. Der Eintrag ergänzt Periphrase durch diesen besonderen Austausch und fragt, welches gemeinsame Wissen und welche Wertung ihn tragen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Antonomasie ersetzt einen Eigennamen durch eine charakterisierende Bezeichnung oder verwendet umgekehrt einen bekannten Eigennamen als Typenbezeichnung. „Der Dichterfürst“ kann eine bestimmte Person identifizieren; „ein Don Juan“ ordnet eine Person einem kulturell geprägten Charaktertyp zu. Die Figur setzt geteiltes Wissen voraus und verbindet Benennung mit Bewertung: Welche Eigenschaft als kennzeichnend ausgewählt wird, lenkt die Wahrnehmung des Referenten. Historische und kulturelle Kontexte sind daher unverzichtbar. Die Denkbewegung rekonstruiert den ausgelassenen oder übertragenen Namen, bestimmt die aktivierte Eigenschaft und prüft, ob Identifikation, Typisierung, Lob, Kritik oder Vermeidung beabsichtigt ist.

Denkbewegung

1. Der ersetzende Ausdruck und der im Kontext gemeinte Referent werden zunächst getrennt bestimmt. 2. Geteiltes kulturelles Wissen erklärt, wie Bezeichnung und Eigenname einander zugeordnet werden. 3. Die ausgewählte Eigenschaft wird auf Wertung, Stereotypisierung und Perspektivlenkung geprüft. 4. Vergleichskontexte zeigen, ob individuelle Identifikation oder allgemeine Typisierung vorliegt. 5. Historischer Wandel und Übersetzbarkeit begrenzen, wie sicher die Figur heute verstanden wird.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Onomastik, Diskursanalyse und Übersetzungswissenschaft untersuchen Antonomasien über Referenzwissen, kulturelle Typen und Wertung. Analysen müssen mögliche diskriminierende Stereotype und verlorene historische Anspielungen offenlegen.

Beispiel

Eine Kolumne nennt einen bekannten Vermittler wiederholt „den Brückenbauer“, ohne den Namen auszusprechen. Die Bezeichnung identifiziert ihn und setzt zugleich seine versöhnende Tätigkeit als dominierende Perspektive.

Gegenbeispiel

Eine gewöhnliche Amtsbezeichnung statt eines Namens ist nicht automatisch Antonomasie, wenn sie lediglich sachlich referiert und keine charakterisierende oder typisierende Funktion entfaltet. Die rhetorische Auswahl muss interpretativ relevant sein.

Abgrenzung

Von Metonymie, Periphrase, Titelgebrauch und bloßem Spitznamen unterscheiden. Antonomasie beruht spezifisch auf dem rhetorisch relevanten Austausch zwischen Eigenname und charakterisierender Bezeichnung.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Antonomasie verdichtet Person, Rolle und Urteil in einer Benennung. Sie kann Erinnerung erleichtern, Pathos erzeugen, Namen vermeiden oder Menschen auf eine ausgewählte Eigenschaft reduzieren.

Resonanz

Ein Name tritt zurück und eine Eigenschaft beginnt, für die ganze Person zu sprechen. Oder ein einzelner Name löst sich von seinem Träger und wird zum wiederkehrenden Typus.

Etymologie

Fachterminus; Etymologie im Quellenpass zu vertiefen

Provenienz

Rhetorik/Stilistik → Benennungsersetzung → Quellenabgleich → ATLAS_134

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Antonomasie“. Atlas der Sprache, AT-134-023. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-134-023

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-134-023

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Historischer Hintergrund

Bullinger beschreibt Antonomasia 1898 in beide Richtungen: Ein Eigenname steht für eine charakterisierende Bezeichnung oder eine solche Bezeichnung für eine Person. Seine Beispiele reichen von Titeln bis zu exemplarischen Namen. Das belegt eine gemeinsame historische Figurenfamilie, nicht die getrennte Herkunft zweier Atlas-IDs mit demselben englischen Lemma. Ob eine Bezeichnung rhetorisch charakterisiert oder nur sachlich referiert, ist jeweils am Kontext zu prüfen. Geteiltes kulturelles Wissen ermöglicht den Austausch, kann zugleich aber stereotype Eigenschaften mittransportieren.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Erfolgreiche Namensersetzung beweist geteiltes Wissen, aber nicht eine zutreffende Charakterisierung.