ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR8-0014 · ATLAS 260

Synchoresis

Synchoresis bezeichnet in der hier nach Lanham gewählten Lesart die demonstrative Übergabe des Urteils an das Gegenüber.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Synchoresis macht in der hier nach Lanham gewählten Lesart sichtbar, wie ein Sprecher das Urteil demonstrativ an sein Gegenüber übergibt und dadurch dessen Rolle verändert. Abweichende Verwendungen als Konzession werden ausdrücklich dokumentiert.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

„Das überlasse ich Ihrem Urteil“ überträgt scheinbar die Entscheidung und kann den Hörer zugleich rhetorisch in die Pflicht nehmen. Lanham führt diesen Sinn; andere Traditionen verwenden Synchoresis im Umfeld von Zugeständnis und Konzession. Die Leitlesart des Atlas ist deshalb quellengebunden. Die Übergabe kann offen gemeint sein oder den Eindruck erzeugen, nur eine Antwort sei vertretbar – das ist am Kontext zu prüfen.

Denkbewegung

1. Die ausdrückliche Übergabe des Urteils bestimmen. 2. Prüfen, welche Entscheidung dem Gegenüber tatsächlich offensteht. 3. Die Urteilsübergabe von der abweichenden Konzessionstradition unterscheiden.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Argumentationsanalyse untersucht, ob eine scheinbare Urteilsübergabe echte Antwortmöglichkeiten eröffnet oder die erwartete Antwort bereits durch ihre Rahmung festlegt.

Beispiel

Eigenes Beispiel: „Sie haben beide Berichte gehört. Ob diese Erklärung genügt, überlasse ich Ihrem Urteil.“ Das Gegenüber wird zum ausdrücklich angesprochenen Beurteilenden.

Gegenbeispiel

Höfliche Zustimmung, vollständiger Widerruf oder bloßes Wiederholen der Gegenposition ist keine Synchoresis. Ein begrenztes Zugeständnis muss in eine fortgesetzte eigene Argumentation übergehen.

Abgrenzung

Concessio ist nicht in allen Quellen dasselbe. Die Urteilsübergabe wird mit Epitrope verglichen; abweichende Konzessionstraditionen bleiben benannt.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Die präzisierte Unterscheidung macht nachvollziehbar, was am konkreten Beispiel geprüft wird und wo die Erklärung ihre Grenze erreicht.

Resonanz

Der Vergleich mit einem benachbarten Begriff verändert die Rückkehr zum Ausgangsbeispiel, ohne die beiden Begriffe gleichzusetzen.

Provenienz

Redaktionelle Präzisierung vom 15.10.2026, Pakete D01–D11; ursprünglicher kanonischer Nachweisbestand separat erhalten.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Synchoresis“. Atlas der Sprache, AT-HAR8-0014. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR8-0014

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR8-0014

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Quellengebundene historische Einordnung · redaktionell präzisiert

Lanham (1991, S. 147) trägt die gewählte Lesart der Urteilsübergabe. Konzessionstraditionen, unter anderem im Artikel Consensio des Historischen Wörterbuchs der Rhetorik, werden als andere Verwendungen des Namens dokumentiert.

Stand dieser Präzisierung

Am 15.10.2026 redaktionell angenommen. Die im Profil genannten Quellen und Begrenzungen tragen diese Lesart. Eine ältere abweichende Profilfassung wird hier nicht zusätzlich als aktuelle Erklärung angezeigt; der ursprüngliche Nachweisbestand bleibt unverändert archiviert. Dies ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.