ATLAS DER SPRACHE

AT-172-0008 · ATLAS 260

Syncrisis

Systematische Gegenüberstellung zweier Gegenstände nach gemeinsamen Gesichtspunkten.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Syncrisis erschließt den ausgeführten Vergleich zweier Fälle entlang wiederkehrender gemeinsamer Kriterien. Diese kontrollierte Vergleichsanordnung reicht über eine einzelne Antithese hinaus und erlaubt die Prüfung selektiver Bewertungsachsen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Syncrisis ist die systematische Gegenüberstellung zweier Personen, Gegenstände, Positionen oder Handlungsweisen nach gemeinsamen Gesichtspunkten. Anders als ein beiläufiger Vergleich entfaltet sie eine geordnete Reihe korrespondierender Merkmale und kann dadurch Gleichrangigkeit, Kontrast oder Überlegenheit herausarbeiten. In rhetorischen Übungen und Reden dient sie häufig Lob und Tadel, indem dieselben Bewertungsachsen auf beide Seiten angewandt werden. Ihre Fairness hängt davon ab, ob die Vergleichsdimensionen tatsächlich gemeinsam und relevant sind; selektiv gewählte Kriterien können ein vorbestimmtes Urteil nur scheinbar objektivieren. Syncrisis überschneidet sich mit Antithese und Parallelismus, bezeichnet aber stärker das Verfahren einer ausgeführten vergleichenden Anordnung. Die Denkbewegung stellt zwei Fälle nebeneinander, führt den Blick wiederholt über dieselben Achsen und lässt aus der strukturierten Differenz ein Urteil entstehen.

Denkbewegung

1. Zwei Gegenstände oder Positionen werden zunächst als vergleichbar ausgewählt, ohne ihre relevanten Gemeinsamkeiten und Unterschiede schon festzulegen. 2. Eine Reihe gemeinsamer Dimensionen ordnet die Betrachtung und verhindert, dass jede Seite nach völlig anderen Maßstäben beschrieben wird. 3. Merkmale werden paarweise gegenübergestellt, sodass Kontrast, Ähnlichkeit, Entwicklung oder Wertung schrittweise sichtbar werden. 4. Die Gegenprobe prüft Relevanz, Symmetrie und ausgelassene Kriterien und trennt Syncrisis von bloßer Antithese, Analogie und parteilicher Aufzählung. 5. Die Gegenüberstellung kehrt als Urteil zurück; seine Tragfähigkeit hängt daran, ob die gewählten Achsen beide Seiten wirklich vergleichbar gemacht haben.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Argumentationsanalyse, Biographik und vergleichende Literaturwissenschaft untersuchen Auswahl der Vergleichsobjekte, Dimensionen, Parallelbau und Wertung. Kriterienaudits decken asymmetrische Rahmung auf.

Beispiel

Zwei politische Entwürfe werden nacheinander nach Kosten, Teilhabe, Zeitbedarf und langfristiger Wirkung verglichen; jede Dimension zwingt beide Seiten in dieselbe Prüffrage.

Gegenbeispiel

Eine Rede lobt Person A ausführlich und erwähnt über Person B nur einen unverbundenen Fehler. Ohne gemeinsame Vergleichsachsen und paarweise Ordnung liegt keine ausgearbeitete Syncrisis vor.

Abgrenzung

Von Vergleich als Oberbegriff, Antithese, Parallelismus, Analogie, Enkomion, Invektive und bloßer Pro-und-Contra-Liste unterscheiden; Vergleichsgegenstände, gemeinsame Dimensionen und Bewertungsziel offenlegen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Syncrisis macht komplexe Unterschiede übersichtlich und Urteile nachvollziehbar; geschickt selektierte Achsen können jedoch Voreingenommenheit unter der Form symmetrischer Prüfung verbergen.

Resonanz

Zwei Gestalten treten in denselben Linienraum; jede wird durch die andere deutlicher, während die Wahl der Achsen den Klang ihres Verhältnisses bestimmt.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition

Provenienz

Dublettenabgleich → Denkbewegung → DE/EN-Doppelfassung → Vergleich → ATLAS_172

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Syncrisis“. Atlas der Sprache, AT-172-0008. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-172-0008

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-172-0008

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Historischer Hintergrund

Peacham beschreibt Syncrisis 1593 als Gegenüberstellung gegensätzlicher Dinge oder verschiedener Personen innerhalb eines Satzes. Seine Beispiele und sein Verweis auf Antithesis betonen den Kontrast. Bullinger rückt 1898 dagegen mehrere zusammenwirkende Ähnlichkeitsvergleiche in den Vordergrund. Die Quellen dokumentieren somit verschiedene Formen des vergleichenden Anordnens, nicht eine unveränderte Schablone. Eine heutige Vergleichsmatrix kann daran analytisch anschließen, doch ihre wissenschaftliche Methodik ist dadurch nicht historisch hergeleitet. Der Atlas muss jeweils angeben, wer oder was verglichen wird und nach welchen Gesichtspunkten. Da AT-METZ5-0004 im Bestand fast denselben Begriff beschreibt, ist die gemeinsame Quellenlage ausdrücklich offengelegt; eine zweite ID erzeugt keinen unabhängigen Beleg.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Vor jedem Vergleich benennen wir Gegenstände und Maßstäbe. Werden die Vorteile der einen Seite mit den Nachteilen der anderen verglichen, ist das Ergebnis schon durch die Auswahl gelenkt.