ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR9-0010 · ATLAS 260

Dirimens copulatio

Verbindung zweier Aussagen, bei der die erste anerkannt und durch eine zweite entscheidend begrenzt oder unterschieden wird.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Dirimens copulatio macht zwei weiterhin gültige Urteile in ihrer entscheidenden Begrenzung sichtbar und verhindert die Verwechslung mit bloßer Korrektur. Correctio ersetzt eine Formulierung, statt beide begrenzten Urteile zugleich bestehen zu lassen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Dirimens copulatio verbindet zwei Urteile, wobei das zweite die Geltung des ersten entscheidend begrenzt, unterscheidet oder neu gewichtet. Die Figur hält Anerkennung und Einschränkung gleichzeitig fest, ohne sie zu einem unentschiedenen Mittelwert zu vermischen. Sie ermöglicht nuanciertes Denken, kann aber auch als höfliche Verpackung dienen, in der der zweite Satz den ersten faktisch widerruft. Die Analyse bestimmt beide Propositionen, den Konnektor und ihre logische Reichweite. Sie prüft, welcher Teil im weiteren Diskurs handlungswirksam bleibt und ob die erste Anerkennung eigenständiges Gewicht besitzt oder lediglich Vertrauen für die nachfolgende Kritik erzeugt.

Denkbewegung

1. Die beiden verbundenen Urteile werden als eigenständige, jeweils prüfbare Propositionen formuliert. 2. Konnektor, Reihenfolge und Prosodie zeigen Gegensatz, Einschränkung oder differenzierende Ergänzung. 3. Der Geltungsbereich des zweiten Urteils wird darauf geprüft, ob er das erste begrenzt oder aufhebt. 4. Folgehandlung und spätere Bezugnahmen zeigen, welchem Urteil praktisch das größere Gewicht zukommt. 5. Eine getrennte Darstellung bewahrt beide Einsichten und macht ihre Spannung ohne rhetorische Glättung sichtbar.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Argumentationstheorie, Bewertungs-, Gutachten- und Konfliktforschung analysieren Dirimens copulatio durch Skopus und Folgewirkung. Kodierung kann echte Differenzierung von Scheinlob, Rücknahme und inkonsistenter Doppelbotschaft trennen.

Beispiel

„Die Resonanzgrafik ist ästhetisch eindrucksvoll, doch ihre Verbindungen müssen weiterhin quellengebunden und überprüfbar bleiben.“ Wirkung und wissenschaftliches Kriterium gelten zugleich.

Gegenbeispiel

Jede adversative Konjunktion, ein Selbstwiderspruch oder eine vollständige Rücknahme ist keine Dirimens copulatio. Beide Urteile müssen bestehen bleiben, während das zweite die Reichweite des ersten unterscheidend begrenzt.

Abgrenzung

Von Concessio, Synchoresis, Correctio und einfachem „aber“ unterscheiden. Dirimens copulatio hält zwei gültige Urteile unterscheidend zusammen; Concessio räumt einen Gegenpunkt ein, Correctio ersetzt eine Formulierung.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Dirimens copulatio verhindert binäre Urteile und erlaubt Anerkennung bei fortbestehender Kritik. Sie kann jedoch das erste Urteil instrumentalisieren und eine harte Zurückweisung als ausgewogene Nuance erscheinen lassen.

Resonanz

Zwei Ströme laufen zusammen und behalten eine sichtbare Trennlinie. Ihre Spannung wird nicht aufgelöst, sondern als Bedingung eines genaueren Gesamturteils weitergetragen.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Differenzierungsfiguren → ATLAS_154

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Dirimens copulatio“. Atlas der Sprache, AT-HAR9-0010. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR9-0010

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR9-0010

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Historischer Hintergrund

Peacham beschreibt Dirimens copulatio 1593 als Verbindung zweier Aussagen, bei der die zweite über die erste hinausgeht. Sein Beispiel folgt dem Muster „nicht nur …, sondern auch …“: Die Aufhebung eines Unglücks wird durch die Steigerung der Würde überboten. Er vergleicht dies mit Incrementum, unterscheidet aber die Erweiterung durch Aussagen von der abgestuften Folge einzelner Wörter. Seine Warnung verlangt, dass der zweite Bestandteil tatsächlich etwas Stärkeres hinzufügt. Das deckt die bisherige Atlasdefinition einer einschränkenden zweiten Aussage nicht vollständig. Der Befund ist deshalb eine begriffliche Abgrenzung, keine automatische Bestätigung. Welche Definition im Atlas gelten soll, bleibt eine getrennte redaktionelle Entscheidung; der historische Zeuge wird nicht passend umgedeutet.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Bestimme, was die zweite Aussage mit der ersten macht: erweitert sie deren Reichweite, verstärkt sie deren Gewicht oder schränkt sie deren Geltung ein? Peachams Beispiel trägt eine Verstärkung. Diese Operation darf nicht allein wegen eines ähnlichen Satzmusters mit Einschränkung gleichgesetzt werden.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • Henry Peacham, The Garden of Eloquence (1593), Perseus transcription · Schemates Rhetorical: Dirimens copulatio, including use and caution where present

    The relevant transcription was read; it has not been collated against a 1593 page image. This dates a documented witness, not the first coinage. Historical moral, social and religious judgements are attributed to Peacham, not adopted as current knowledge.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.