ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR11-0010 · ATLAS 260

Synantese

Synantese bezeichnet hier, in Anlehnung an Bullingers Synantesis, die Wiederkehr ganzer Phrasen in umgekehrter Reihenfolge.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Synantese erschließt in der ausdrücklich ausgewiesenen Synantesis-Tradition, wie wiederkehrende Phrasen in umgekehrter Ordnung aufeinander bezogen werden. Die sprachliche Rückbewegung ist am Text nachweisbar und nicht bloß eine Metapher für gedankliche Begegnung.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Die Struktur lässt sich als A–B–B′–A′ prüfen: Eine spätere Passage greift zunächst die zweite, dann die erste Phrase auf. Bullinger nennt dies Introverted Repetition und unterscheidet die Phrasenebene von verwandten Umkehrungen. Der Atlas verwendet Synantese als ausdrücklich gekennzeichnete deutsche Arbeitszuordnung zu diesem englischen Sachbeleg. Daraus folgt kein deutscher Erstbeleg und keine allgemeine Theorie, nach der zwei Gedanken konvergieren müssten.

Denkbewegung

1. Die wiederkehrenden Phrasen markieren. 2. Ihre Reihenfolge als A–B–B′–A′ oder eine belegte verwandte Struktur prüfen. 3. Die Umkehrung von bloßer thematischer Ähnlichkeit unterscheiden.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorische Textanalyse markiert Phrasengrenzen und prüft die behauptete inverse Reihenfolge gegen den Wortlaut, bevor sie einen Sinnzusammenhang daraus deutet.

Beispiel

Eigenes Strukturbeispiel: „Wir prüfen die Wörter, wir prüfen die Bilder; die Bilder verändern den Blick, die Wörter verändern das Urteil.“ Die Phrasen kehren in umgekehrter Themenfolge zurück.

Gegenbeispiel

»Historische Ordnung und heutige Nutzung sind wichtig« nennt zwei Gesichtspunkte additiv. Ohne inszenierte Begegnung, Gegenbewegung oder gegenseitige Veränderung ist das keine Synantese im hier rekonstruierten Sinn.

Abgrenzung

Nicht jede Antithese und nicht jedes Zusammentreffen von Gedanken ist Synantese. Entscheidend ist die nachweisbare invertierte Wiederaufnahme; benachbarte Figuren können dieselbe Passage zusätzlich beschreiben.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Die Aufmerksamkeit kehrt entlang sprachlich markierter Stationen zurück.

Resonanz

Die Rückkehr verändert den früheren Ausdruck, weil die dazwischenliegende Passage mitgehört wird.

Provenienz

Redaktionelle Präzisierung vom 15.10.2026, Pakete D01–D11; ursprünglicher kanonischer Nachweisbestand separat erhalten.

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Synantese“. Atlas der Sprache, AT-HAR11-0010. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR11-0010

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR11-0010

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Quellengebundene historische Einordnung · redaktionell präzisiert

Bullinger beschreibt 1898 unter Synantesis die invertierte Wiederholung von Phrasen. Dieser englische Sachbeleg trägt das Strukturmodell; die deutsche Zuordnung Synantese bleibt ausdrücklich eine Arbeitszuordnung und kein gesicherter deutscher Erstbeleg.

Stand dieser Präzisierung

Am 15.10.2026 redaktionell angenommen. Die im Profil genannten Quellen und Begrenzungen tragen diese Lesart. Eine ältere abweichende Profilfassung wird hier nicht zusätzlich als aktuelle Erklärung angezeigt; der ursprüngliche Nachweisbestand bleibt unverändert archiviert. Dies ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.