ATLAS DER SPRACHE

AT-MOR-W0099 · ATLAS 260

Neologismus

Neu entstandener oder neu verwendeter Ausdruck, der noch als neu wahrgenommen wird.

Teil des Themenwegs Morphologie und Wortbildung

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Neologismus erschließt wahrgenommene lexikalische Neuheit als Verhältnis zwischen Bildung, Gebrauch und sozialer Aufnahme. Ein nur einmal spontan gebildetes Wort muss noch keine breiter relevante Neuerung sein.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ein Neologismus ist ein neu gebildeter oder in neuer Bedeutung verwendeter Ausdruck, der von einer Sprachgemeinschaft noch als neu wahrgenommen wird. Er entsteht dort, wo neue Gegenstände, Praktiken und Perspektiven Benennung verlangen oder wo vorhandene Wörter bewusst anders gerahmt werden. Seine Neuheit ist zeitlich und sozial relativ: Was in einer Fachgruppe geläufig ist, kann außerhalb neu wirken; erfolgreiche Formen verlieren später ihren Neologismenstatus. Die Bildung kann regulären Mustern folgen, entlehnt, verschmolzen oder spielerisch erfunden sein. Der Begriff macht sichtbar, dass Wortschatz kein geschlossenes Inventar ist, sondern auf veränderte Welt und veränderte Aufmerksamkeit antwortet.

Denkbewegung

1. Eine Erfahrung, Technik oder Perspektive findet im verfügbaren Wortschatz keine hinreichend passende Benennung. 2. Sprechende bilden, entlehnen oder verwenden einen Ausdruck in neuer Bedeutung. 3. Andere begegnen der Form als auffällig neu und erschließen sie aus Struktur und Kontext. 4. Die Gegenprobe prüft Verbreitung, Entstehungszeit und tatsächliche Bedeutungsneuerung gegenüber bloß individueller Versprechung. 5. Der neue Ausdruck kehrt als möglicher Teil des gemeinsamen Wortschatzes zurück oder verschwindet ohne dauerhafte Aufnahme.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Lexikologie und Korpuslinguistik können Erstbelege, Frequenz, Dispersion und Bedeutungswandel verfolgen. Rezeptionsstudien prüfen Transparenz, Akzeptanz und unterschiedliche Neuheitsurteile zwischen Gruppen.

Beispiel

Bildschirmfasten bezeichnet eine bewusst begrenzte Zeit ohne digitale Anzeigen. Eine Arbeitsgruppe nennt kleine, nachvollziehbare Datenübergaben »Hashbrücken«. Der Ausdruck verbindet technische Bindung und Übergang, bleibt zunächst jedoch als bewusste Neubildung erkennbar.

Gegenbeispiel

Telefon wird heute gewöhnlich nicht mehr als Neologismus wahrgenommen. Ein einmaliger Tippfehler ist kein Neologismus, solange er keine intendierte Form und wiedererkennbare Bedeutung entwickelt. Auch ein altes Wort ist nicht neu, nur weil eine Person es erstmals hört.

Abgrenzung

Von Okkasionalismus, Entlehnung, Bedeutungswandel und bloßem Fehler unterscheiden. Ein Neologismus wird als neu wahrgenommen und kann zirkulieren; ein Okkasionalismus bleibt stärker an einen einzelnen Anlass gebunden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Neologismen schaffen Benennbarkeit, lenken Aufmerksamkeit auf neue Unterscheidungen und können Gemeinschaft bilden, irritieren oder bestehende Kategorien verschieben.

Resonanz

Eine neue Erfahrung trifft auf vorhandene Sprachmuster; aus ihrer Spannung entsteht ein Wort, das erst durch Wiederaufnahme gesellschaftlich zu klingen beginnt.

Etymologie

griech. néos: neu + lógos: Wort

Provenienz

Kandidatenbank K-0099 → ATLAS_035; Lexikografie → Benennungswandel

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Neologismus“. Atlas der Sprache, AT-MOR-W0099. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-MOR-W0099

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-MOR-W0099

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Aristoteles unterscheidet in der Poetik bereits zwischen allgemein gebrauchten, regional fremden und vom Dichter neu gebildeten Wörtern. Die gelesene englische Übersetzung nennt letztere newly-coined words und bestimmt sie als Formen, die zuvor auch lokal nicht im Gebrauch waren. Diese antike Analyse trennt Neuheit von bloßer Unvertrautheit: Ein Wort kann dem Publikum fremd und anderswo dennoch gebräuchlich sein. Das ist ein begrenzter historischer Vorläufer des Neologismusbegriffs, aber kein Beleg für das englische Wort neologism; die englische Formulierung stammt aus der Übersetzung. Auch der deutsche Terminus wird dadurch nicht datiert. Kapitel XXII verbindet ungewöhnliche Wortwahl zudem mit der Aufgabe, Verständlichkeit zu erhalten. Für den Atlas ist zwischen individueller Bildung, erster belegter Verwendung, Aufnahme in eine Gruppe und dauerhafter Konventionalisierung zu unterscheiden. Eine auffällige Form ist nicht automatisch neu, und eine einmalige Bildung ist nicht automatisch Teil des Lexikons.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Neologismus setzt nachweisbare lexikalische Neuerung voraus; Unvertrautheit, Einzelbeleg und gesellschaftliche Etablierung sind getrennte historische Stufen.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • Aristotle, Poetics, translated by S. H. Butcher; Project Gutenberg transcription, ebook 1974 · Poetics, Chapters XXI–XXII: newly coined words, current words and intelligible diction

    Named sections read in Butcher’s English translation. The precise print edition underlying this transcription has not been established. An ancient discussion does not date the English technical label, and the translator’s wording is not Aristotle’s English. Greek terminology and later reception require separate checking.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.