ATLAS DER SPRACHE

AT-METZ3-0006 · ATLAS 260

Mot-valise

Wortneubildung, die Form- und Bedeutungsteile mehrerer Wörter in einer Gestalt verschmilzt.

Teil des Themenwegs Morphologie und Wortbildung

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Mot-valise zeigt Wortverschmelzung unter einem literarisch markierten Traditionsnamen und kann verschiedene Zugänge verbinden. Die Auswahl ist mit Kontamination zu vergleichen, ohne zwei gleiche Verfahren zu behaupten.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Mot-valise bezeichnet eine Wortneubildung, in der Form- und Bedeutungsteile zweier oder mehrerer Ausgangswörter zu einer einzigen Gestalt verschmelzen. Anders als bei einer bloßen Zusammensetzung bleiben die Bestandteile meist verkürzt, überlagert oder lautlich ineinandergeschoben. Die neue Form lädt dazu ein, beide Herkunftsbereiche gleichzeitig zu aktivieren und aus ihrer Reibung ein drittes Konzept zu bilden. Solche Kofferwörter reagieren schnell auf technische, kulturelle oder politische Neuerungen und können spielerisch, werbend oder kritisch wirken. Ihre Verständlichkeit hängt davon ab, ob die Quellwörter erkennbar bleiben. Der Begriff zeigt Wortbildung als Verdichtungsraum: Zwei bestehende Wege verlieren Teile ihrer Form und treten gerade dadurch in eine neue semantische Verbindung.

Denkbewegung

1. Zwei vorhandene Wörter stellen zunächst getrennte Formkörper und Bedeutungsfelder für eine neue Benennungsaufgabe bereit. 2. Aus jedem Wort werden erkennbare Segmente ausgewählt, gekürzt oder an einer lautlichen beziehungsweise grafischen Naht überlagert. 3. Die verschmolzene Gestalt aktiviert beide Herkunftsbereiche und lässt aus ihrer Verbindung eine zusätzliche Bedeutung hervortreten. 4. Die Gegenprobe prüft Segmentierbarkeit, tatsächliche Quellbezüge und Abgrenzung zur regulären Zusammensetzung oder bloßen Kürzung. 5. Das neue Wort kehrt als kompakter Träger zweier Erinnerungsspuren zurück und kann sich anschließend lexikalisch verselbständigen.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Morphologie und Lexikologie können Segmentgrenzen, Produktivität und Lexikalisierung untersuchen. Medien- und Diskursforschung analysiert, wie Kofferwörter neue Phänomene rahmen und welche Bewertung ihre Quellwörter eintragen.

Beispiel

»Infotainment« verschmilzt Information und Entertainment. Die Form benennt nicht nur zwei nebeneinanderstehende Bereiche, sondern ein Angebot, in dem Unterrichtung und Unterhaltung strukturell gekoppelt sind.

Gegenbeispiel

»Sprachatlas« verbindet zwei vollständige Wörter nach einem regulären Kompositionsmuster. Ohne Kürzung oder formale Überblendung ist es ein Kompositum, aber kein Mot-valise.

Abgrenzung

Von Kompositum, Kontamination, Akronym, Kurzwort und einfachem Wortspiel unterscheiden. Mot-valise beziehungsweise Portmanteau fokussiert die formale Verschmelzung gekürzter Quellwörter mit kombinierter Bedeutung.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Mot-valises benennen Neues ökonomisch und einprägsam, aktivieren mehrere Wissensfelder zugleich und können durch spielerische Verdichtung Zustimmung oder Kritik vorstrukturieren.

Resonanz

Zwei Wörter verlieren an ihren Rändern feste Kontur; ihre Fragmente überlagern sich und lassen in einem neuen Klangkörper eine dritte Bedeutung schwingen.

Etymologie

internationale Fach- und Literaturtradition · Formgeschichte im Profil

Provenienz

Metzler I–M → Bestandsabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Fachprüfung → ATLAS_178 → WordNet-Gate 284: Legacy-ID und Benennungsvariante transaktional zusammengeführt

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Mot-valise“. Atlas der Sprache, AT-METZ3-0006. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-METZ3-0006

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-METZ3-0006

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

In Kapitel VI von Through the Looking-Glass erläutert Humpty Dumpty slithy durch lithe und slimy und mimsy durch flimsy und miserable. Der Vergleich mit einem Koffer macht die Zusammenpackung zweier Bedeutungen anschaulich. Die literarische Szene belegt somit unmittelbar die englische Benennungsmetapher und konkrete Mischbildungen. Sie erklärt jedoch weder die spätere französische Benennung mot-valise noch deren Aufnahme ins Deutsche. Formverschmelzung und Bedeutungsverknüpfung sind im Beispiel gemeinsam sichtbar; eine reguläre Zusammensetzung vollständiger Wörter wäre ein anderes Verfahren.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Entscheidend ist die nachweisbare Überblendung, nicht allein die bildhafte Kofferbezeichnung. Die französische und deutsche Wortgeschichte bleibt offen.

Präzisierte Kurzdefinition

Mot-valise bezeichnet ein Kofferwort, das Teile verschiedener Wörter zu einer neuen Form zusammenzieht.

Ergänzende Vertiefung

Die Verschmelzung kann eine neue Kategorie anbieten, statt lediglich zwei Dinge aufzuzählen. Wir zerlegen zunächst die Form und fragen anschließend, ob das neue Wort eine verständliche Verbindung seiner Ausgangsbedeutungen schafft. Gerade dieser zweite Schritt ist nicht durch Buchstaben allein entschieden.

Carrolls Koffervergleich macht das Zusammenpacken anschaulich. Für den Atlas ist ebenso wichtig, dass eine literarische Figur Bedeutungen behaupten kann, die Leser erst aushandeln müssen. Die Gegenprobe trennt Mischbildung von regulärer Zusammensetzung und privat erfundener Benennung von etabliertem Gebrauch. Die französische Bezeichnung und ihre deutsche Verwendung benötigen eine eigene Geschichte.

Ergänzendes Beispiel

Eigenes, nicht als etabliert ausgegebenes Wort: „Denkspazier“ aus Denken und Spaziergang für ein Gespräch im Gehen. Gegenprobe: Die Idee muss erklärt werden; die Verschmelzung allein sichert kein gemeinsames Verständnis.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.