ATLAS DER SPRACHE

AT-CORE-243-022 · ATLAS 260

Nominalisierung

Bildung oder syntaktische Verwendung eines Nomens aus einem Ausdruck anderer Wortart oder aus einem ganzen Sachverhalt.

Teil des Themenwegs Morphologie und Wortbildung

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Nominalisierung erschließt die Verwandlung eines Vorgangs in einen weiterverwendbaren grammatischen Gegenstand. Die dabei veränderte Sichtbarkeit von Zeit und Agens unterscheidet die Operation von Nominalstil als möglicher Häufung solcher Formen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Nominalisierung ist die Bildung oder syntaktische Verwendung eines Nomens aus einem Verb, Adjektiv oder ganzen Sachverhalt. Aus »die Kommission entscheidet« wird etwa »die Entscheidung der Kommission«; aus »dass der Fluss verschmutzt wurde« kann »die Verschmutzung des Flusses« entstehen. Dadurch wird ein zeitlich und perspektivisch gegliedertes Geschehen als benennbarer Gegenstand verfügbar, der gezählt, bewertet und in weitere Sätze eingebaut werden kann. Zugleich verändern sich Sichtbarkeit und grammatische Rollen: Handelnde können in Genitiv- oder Präpositionalphrasen zurücktreten oder ganz verschwinden, während Prozess, Ergebnis oder Eigenschaft ins Zentrum rückt. Nominalisierung ist nicht grundsätzlich schlechter Stil und nicht mit Nominalstil identisch; sie ist ein produktives grammatisches Mittel, dessen Häufung einen Nominalstil prägen kann. Die Denkbewegung hält einen Vorgang an, macht ihn begrifflich transportierbar und verschiebt dabei seine zeitliche und agentive Architektur.

Denkbewegung

1. Ein Vorgang, eine Eigenschaft oder ein ganzer Sachverhalt erscheint zunächst als zeitlich gegliederte Aussage mit beteiligten Rollen. 2. Morphologie oder Syntax formt daraus eine nominale Einheit und macht das Geschehen als Gegenstand weiterer Bezugnahme verfügbar. 3. Der neue Ausdruck kann klassifizieren, verdichten und argumentativ verknüpfen, während Zeit, Modalität oder Handelnde in den Hintergrund treten. 4. Die Gegenprobe trennt Nominalisierung als Bildungs- oder Gebrauchsvorgang von vorhandenem Nomen, Nominalstil, Komposition und bloßer Abkürzung. 5. Das Geschehen kehrt als Begriff zurück; es ist leichter beweglich geworden, trägt aber möglicherweise weniger sichtbare Spuren seines Vollzugs.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Morphologie, Syntax, Fachsprachen- und Diskursanalyse untersuchen Bildungsformen, Argumentrealisierung und Informationsdichte. Korpusvergleiche prüfen, wann Nominalisierungen Präzision schaffen oder Agens und Verantwortung verdecken.

Beispiel

»Die Behörde genehmigte den Bau überraschend spät« nennt Handelnde und Zeit; »die späte Genehmigung des Baus« macht den Vorgang zum Gegenstand, kann die Behörde aber ausblenden.

Gegenbeispiel

»Der Tisch« ist ein gewöhnliches Nomen, ohne dass im betrachteten Ausdruck ein Verb, Adjektiv oder Sachverhalt nominalisiert wird. Das Auftreten eines Nomens allein genügt nicht.

Abgrenzung

Von Nomen allgemein, Substantivierung als teils engerer Bezeichnung, Konversion, Derivation, Komposition, Verdichtung, Nominalstil und Reifikation unterscheiden; Form und Diskurswirkung getrennt prüfen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Nominalisierung ermöglicht Abstraktion, Verdichtung und stabile Fachbegriffe, kann aber Prozesse verdinglichen, zeitliche Unterschiede einebnen und handelnde Instanzen unsichtbar machen.

Resonanz

Ein fließendes Geschehen gerinnt für einen Moment zum Namen; es lässt sich weitertragen, doch die Bewegung und ihre Urheber klingen darin leiser.

Etymologie

fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen

Provenienz

ATLAS_241 Restfalltriage → Profilkandidat 241-B → Quellen- und Nachbarschaftsabgleich → ATLAS_243

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Nominalisierung“. Atlas der Sprache, AT-CORE-243-022. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-243-022

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Historischer Hintergrund

Sapir analysiert 1921 farmer als Verbindung eines Grundbegriffs mit einem ableitenden Agensbegriff und vergleicht entsprechende Bildungen wie singer, painter und teacher. An anderer Stelle nennt er durch Verdopplung gebildete Infinitive und verbale Adjektive im Ewe. Die Stellen dokumentieren verschiedene Übergänge zwischen verbalem Inhalt und anderer Wortfunktion. Sie sind keine ausgearbeitete historische Theorie sämtlicher Nominalisierungstypen.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Agensbenennung und Ereignisbenennung sollten trotz gemeinsamer Ableitungsbezüge auseinandergehalten werden.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • Edward Sapir, Language: An Introduction to the Study of Speech (1921) · Chapter V, agentive nouns; Chapter IV, reduplication used for verbal nouns

    Original English text read in the Gutenberg transcription. No first-coinage claim, full-book verification or automatic endorsement of the author’s 1921 language classifications and generalisations. Examples require modern descriptive checking before reuse as current language data.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.