Vertiefung
Nominalstil bezeichnet eine Ausdrucksweise, die Vorgänge und Eigenschaften bevorzugt als Substantive statt als Verben oder vollständige Handlungen formuliert. Nominalisierungen können komplexe Prozesse bündeln, als Gegenstände weiterer Argumentation verfügbar machen und fachliche Präzision unterstützen. Zugleich verändern sie Perspektive: Handelnde, Zeitlichkeit, Modalität und Verantwortlichkeit können hinter abstrakten Einheiten verschwinden. »Die Durchführung der Prüfung« lässt sich anders organisieren als »wir prüfen« und kann institutioneller, dauerhafter oder unpersönlicher wirken. Der Begriff macht sichtbar, wie grammatische Verpackung ontologische Effekte erzeugt. Wissenschaftliche Kritik muss daher nicht Substantive verbieten, sondern prüfen, welche Beziehungen durch Verdichtung gewonnen oder verloren werden.
Denkbewegung
1. Ein Vorgang oder eine Eigenschaft erscheint zunächst als zeitlich gegliederte Handlung mit möglichen Beteiligten. 2. Die Formulierung überführt ihn durch Nominalisierung oder substantivische Fügung in eine scheinbar stabile Einheit. 3. Diese Einheit kann nun klassifiziert, verknüpft und zum Gegenstand weiterer Aussagen gemacht werden. 4. Die Gegenprobe entfaltet das Nomen wieder verbal und prüft verschwundene Handelnde, Zeit, Modalität und Verantwortung. 5. Der Sachverhalt kehrt als wählbare Perspektive zurück, deren Verdichtung und Auslassungen bewusst beurteilt werden.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Stilistik, Fachsprachen- und Verständlichkeitsforschung können Nominalisierungsdichte, Akteursnennung und Satzkomplexität messen. Experimente prüfen Verständnis, Verantwortungszuschreibung und Fachlichkeitsurteile.
Beispiel
»Nach der Durchführung der Prüfung erfolgt die Freigabe« bündelt Handlungen institutionell. »Nachdem das Team geprüft hat, gibt die Redaktion frei« macht Akteure und Reihenfolge ausdrücklich sichtbar.
Gegenbeispiel
Das bloße Vorkommen mehrerer Substantive bildet noch keinen prägenden Nominalstil. Entscheidend ist, dass Prozesse systematisch substantivisch verdichtet und dadurch anders perspektiviert werden.
Abgrenzung
Von Fachsprache, Passiv, Abstraktion und einzelnen Nominalisierungen unterscheiden. Nominalstil ist eine dominante Ausdruckstendenz; Passiv verändert Valenz und Perspektive ohne notwendig zu nominalisieren.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Nominalstil verdichtet und objektiviert Prozesse, erleichtert fachliche Verknüpfung und kann zugleich Handlung, Zeit und Verantwortung aus der Wahrnehmung zurücknehmen.
Resonanz
Eine fließende Handlung gerinnt sprachlich zum Gegenstand; ihr ursprünglicher Bewegungsstrom bleibt im Nomen gebunden und kann wieder entfaltet werden.
Etymologie
deutsche und internationale Fachtradition · Herkunft im Profil
Provenienz
Metzler 6 → Vollabgleich → Resonanzprüfung → zweisprachiger Sichtlauf → ATLAS_181
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Nominalstil“. Atlas der Sprache, AT-RES6-0009. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RES6-0009Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Sapir zeigt, dass Sprachen vergleichbare Inhalte durch unterschiedliche formale Kategorien ordnen können, darunter nominale Ausdrücke für Relationen, die englische Leser anderswo erwarten mögen. Das ist ein Hintergrund für Nominalstil, aber keine historische Studie bürokratischer oder akademischer Prosa. Die grammatische Möglichkeit, einen Vorgang nominal zu fassen, ist von der wiederkehrenden stilistischen Vorliebe dafür zu trennen. Im Atlas lässt sich vergleichen, was mit Handelndem, Zeitordnung und behaupteter Handlung geschieht, wenn ein Prozess zum Gegenstand der Rede wird. Das Ergebnis kann eine Abstraktion klären oder Verantwortung verdecken; die Form allein entscheidet dies nicht. Für das genaue englische Stil-Lemma und seine historische Kritik fehlen direktere Belege.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Nominalstil ist eine gehäufte stilistische Präferenz, nicht jede einzelne Nominalisierung; seine Wirkung auf Agens, Zeit und Verantwortungszuschreibung ist fallbezogen zu prüfen.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Edward Sapir, Language (1921), Gutenberg transcription with 1939 printing information · Chapter V: nominalised relations and the conventional nature of parts of speech
Selected passage, not a complete genealogy or an English first-attestation claim. Original Atlas applications are editorial interpretations, not reported experiments. The inspected transcription carries 1921 copyright and later printing information; no first-edition collation. Historical language names and generalisations require modern checking.