ATLAS DER SPRACHE

AT-SYN-0002 · ATLAS 260

Passiv

Diathese, die das Geschehen oder Betroffene gegenüber dem Handelnden perspektivisch hervorhebt.

Teil des Themenwegs Syntax und Grammatik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Passiv erschließt grammatische Perspektivierung des Geschehens durch Zurückstufung des Handelnden. Agentenlosigkeit allein belegt keine Passivkonstruktion, und die konkrete Diathese bleibt sprachspezifisch.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Das Passiv ist eine Diathese, die das Geschehen oder eine nicht als Handelnder profilierte beteiligte Größe in den Vordergrund rückt, während der Agens zurücktritt oder unausgedrückt bleibt. Je nach Sprache wird dies morphologisch, periphrastisch oder durch andere Konstruktionen realisiert; das deutsche werden-Passiv ist daher kein universales Modell. Passivierung verändert die Zuordnung grammatischer Funktionen und zugleich die Informationsperspektive. Ein ausgelassener Agens kann unbekannt, irrelevant, selbstverständlich oder strategisch verschwiegen sein. Die Denkbewegung löst den Blick vom Handelnden, folgt dem Vorgang und seinen Betroffenen und fragt schließlich, ob diese Perspektivierung sachlich begründet oder verantwortlichkeitsverschleiernd eingesetzt wird.

Denkbewegung

1. Eine Handlungsszene enthält zunächst ein Ereignis, einen möglichen Handelnden und weitere davon betroffene Beteiligte. 2. Die grammatische Konstruktion reduziert oder entfernt die privilegierte syntaktische Position des Agens. 3. Das Geschehen oder ein anderer Teilnehmer übernimmt die perspektivische und häufig auch die satzinitiale Aufmerksamkeit. 4. Die Gegenprobe ergänzt den Agens und vergleicht, ob Information, Verantwortungszuschreibung oder Textfluss sich verändern. 5. Das Passiv kehrt als Wahl der Blickrichtung zurück, nicht als bloß mechanische Umformung eines Aktivsatzes.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Syntax und Typologie vergleichen passive Konstruktionen sprachübergreifend, während Diskursanalyse Agensauslassung und Informationsstruktur untersucht. Korpusdaten erlauben, Genre, Verbklasse und explizite Agensphrasen zu kontrollieren.

Beispiel

Die Karte wird geprüft. Im Protokoll steht: »Die Probe wurde um 8 Uhr versiegelt.« Der Vorgang und seine Nachprüfbarkeit stehen im Zentrum; wer versiegelte, kann ergänzt werden, bleibt hier aber im Hintergrund.

Gegenbeispiel

Das Team prüft die Karte. Ein Satz ohne genannten Handelnden ist nicht automatisch passiv, und jedes Passiv verschleiert nicht automatisch Verantwortung. Morphosyntax, Verbtyp, Kontext und Informationsfunktion müssen gemeinsam geprüft werden.

Abgrenzung

Vom Antipassiv, das typologisch eher das Objekt zurückstuft, vom Nominalstil als verdichteter nominaler Darstellungsweise und von unpersönlichen Aktivkonstruktionen unterscheiden. Passiv ist eine sprachspezifisch realisierte Diathese.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Das Passiv kann Kohärenz schaffen, Betroffene hervorheben und Verfahren sachorientiert beschreiben. Strategisch eingesetzt kann es Zuständigkeit entpersonalisieren oder Ursachen weniger sichtbar machen.

Resonanz

Das Ereignis rückt nach vorn, während der Handelnde am Rand hörbar oder ganz still wird. Die veränderte Grammatik verschiebt, wem Aufmerksamkeit und Verantwortung zufallen.

Etymologie

lat. passivus „leidend“

Provenienz

Lateinische Grammatiktradition → deutsche Diathesenlehre → kritische Diskursanalyse

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Passiv“. Atlas der Sprache, AT-SYN-0002. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-SYN-0002

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-SYN-0002

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Passiv gehört im Deutschen zum Genus Verbi und steht im Kontrast zum Aktiv. Seine Funktion lässt sich jedoch nicht auf das Weglassen eines Handelnden reduzieren. Typologische Beschreibungen bestimmen ein prototypisches Passiv durch ein Bündel von Eigenschaften: Bezug auf eine Aktivkonstruktion, Herabstufung oder Auslassbarkeit des aktiven Subjekts, Zuordnung des aktiven Objekts zum passiven Subjekt, pragmatische Einschränkung und besondere Verbmarkierung. Nicht jede Sprache realisiert alle Randfälle gleich, und unpersönliche Konstruktionen können dieselbe kommunikative Aufgabe anders lösen. Sapirs ältere Darstellung ordnet Aktiv und Passiv in grammatische Perspektivierung ein, ist aber keine vollständige moderne Typologie.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Zu prüfen sind Konstruktion, Teilnehmerzuordnung, Verbmarkierung, ausgedrückter oder offener Agens und Diskurskontext. Passivierung kann Aufmerksamkeit umlenken; sie beweist für sich weder Unklarheit noch absichtliche Verantwortungsvermeidung.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • Edward Sapir, Language (1921), Gutenberg transcription with 1939 printing information · Chapter V: active/passive distinctions within the inventory of grammatical relations

    Selected passage, not a complete genealogy or an English first-attestation claim. Original Atlas applications are editorial interpretations, not reported experiments. The inspected transcription carries 1921 copyright and later printing information; no first-edition collation. Historical language names and generalisations require modern checking.

  • NEW-E-PASSIVE-WALS · Section 1, Defining the values
  • NEW-E-PASSIVE-IDS · Systematic grammar overview of Aktiv and Passiv
Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.