ATLAS DER SPRACHE

AT-133-044 · ATLAS 260

Antipassiv

Konstruktion, die in ergativisch organisierten Sprachen das Agens hervorhebt und das Patiens herabstuft oder unausgedrückt lässt.

Teil des Themenwegs Syntax und Grammatik

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Antipassiv erweitert den Atlas um eine Valenzänderung, die das Agens zum intransitiven Kernargument macht. Die Herabstufung des Patiens grenzt den Bau von bloßem Agensfokus und vom Passiv ab.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Das Antipassiv ist eine valenzverändernde Konstruktion, die besonders in ergativisch-absolutiv organisierten Sprachen den transitiven Agens als intransitives Kernargument behandelt und das Patiens herabstuft, oblique markiert oder unausgedrückt lässt. Dadurch wird nicht einfach dieselbe Satzreihenfolge umgestellt: Die grammatischen Zugriffsbedingungen und häufig auch Informationsstruktur, Aspekt oder Grad der Betroffenheit ändern sich. In dokumentierten tschuktschischen Kontrasten kann das Patiens der antipassiven Konstruktion oblique erscheinen. Sprachvergleichend darf das Etikett jedoch nicht allein aus einer agentenbetonten Übersetzung abgeleitet werden; Morphologie, Kasus, Valenz und Konstruktion müssen zusammenpassen. Der Begriff macht sichtbar, dass Grammatik ein Ereignis neu zentrieren kann, indem sie den Handelnden hervorhebt und den zweiten Beteiligten aus dem syntaktischen Kern zurücknimmt.

Denkbewegung

1. Eine transitive Handlung wird zunächst mit Agens und Patiens in der regulären ergativisch-absolutiven Argumentstruktur der Sprache dargestellt. 2. Eine besondere Markierung verändert die Valenz, sodass das Agens wie das einzige Kernargument einer intransitiven Konstruktion behandelt werden kann. 3. Das Patiens wird ausgelassen, oblique kodiert oder semantisch weniger individuiert, während Agens, Aktivität oder Verlauf stärker profiliert werden. 4. Die Gegenprobe prüft Kasus, Morphologie und syntaktisches Verhalten und trennt Antipassiv von Passiv, Objektweglassung und bloßer Informationsstruktur. 5. Dasselbe Ereignis kehrt mit verlagertem Zentrum zurück: Die Handlung bleibt zugänglich, doch ihr Patiens tritt aus dem grammatischen Vordergrund.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Typologie, Syntax und Morphologie prüfen Antipassive mit Paradigmen, Korpusbelegen und Elizitation. Diagnosen umfassen Kasuswechsel, Verbmarkierung, syntaktische Zugänglichkeit, Aspekt und Referenzialität des Patiens.

Beispiel

In einer ergativischen Sprache steht neben der transitiven Form »Die Frau-ERG nähte das Fell-ABS« eine markierte Form sinngemäß »Die Frau-ABS nähte am Fell-OBL«; das Patiens ist grammatisch weniger zentral.

Gegenbeispiel

Im Passiv »Der Brief wurde gelesen« wird typischerweise das Patiens zum hervorgehobenen Subjekt und das Agens herabgestuft. Diese Richtung ist nicht das Antipassiv.

Abgrenzung

Vom Passiv mit Patiensaufwertung, ergativer Grundausrichtung, gewöhnlicher Objektellipse, Intransitivierung ohne antipassive Eigenschaften und pragmatischer Agensfokussierung unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Das Antipassiv verschiebt die grammatische Perspektive auf das Agens und die Aktivität, reduziert die Zentralität des Patiens und verändert damit die sprachliche Gestalt desselben Ereignisses.

Resonanz

Die Handlung bleibt in Bewegung, während einer ihrer Pole leiser wird; das Agens tritt hervor, und das Patiens antwortet nur noch aus dem Rand der grammatischen Szene.

Etymologie

internationaler Fachterminus · Einzelgenealogie in der Vertiefung

Provenienz

Syntax/Grammatik → Valenzoperation → Quellenabgleich → ATLAS_133

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Antipassiv“. Atlas der Sprache, AT-133-044. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-133-044

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-133-044

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Polinskys typologische Darstellung führt „antipassive“ auf Silverstein 1972 zurück; diese Datierung ist hier ein indirekter Beleg. Die Konstruktion schwächt den Patienten zum obliquen oder unausgedrückten Argument ab, während der Handelnde erhalten bleibt. Sie ist besonders gut in ergativen Systemen sichtbar, kommt aber auch bei akkusativischer Ausrichtung vor. Eine deutsche Erstverwendung von „Antipassiv“ ist damit nicht belegt.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Im Atlas bezeichnet Antipassiv eine Änderung der Argumentrealisierung, nicht bloß eine Verschiebung der Aufmerksamkeit auf den Handelnden.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.