Vertiefung
Das Antipassiv ist eine valenzverändernde Konstruktion, die besonders in ergativisch-absolutiv organisierten Sprachen den transitiven Agens als intransitives Kernargument behandelt und das Patiens herabstuft, oblique markiert oder unausgedrückt lässt. Dadurch wird nicht einfach dieselbe Satzreihenfolge umgestellt: Die grammatischen Zugriffsbedingungen und häufig auch Informationsstruktur, Aspekt oder Grad der Betroffenheit ändern sich. In dokumentierten tschuktschischen Kontrasten kann das Patiens der antipassiven Konstruktion oblique erscheinen. Sprachvergleichend darf das Etikett jedoch nicht allein aus einer agentenbetonten Übersetzung abgeleitet werden; Morphologie, Kasus, Valenz und Konstruktion müssen zusammenpassen. Der Begriff macht sichtbar, dass Grammatik ein Ereignis neu zentrieren kann, indem sie den Handelnden hervorhebt und den zweiten Beteiligten aus dem syntaktischen Kern zurücknimmt.
Denkbewegung
1. Eine transitive Handlung wird zunächst mit Agens und Patiens in der regulären ergativisch-absolutiven Argumentstruktur der Sprache dargestellt. 2. Eine besondere Markierung verändert die Valenz, sodass das Agens wie das einzige Kernargument einer intransitiven Konstruktion behandelt werden kann. 3. Das Patiens wird ausgelassen, oblique kodiert oder semantisch weniger individuiert, während Agens, Aktivität oder Verlauf stärker profiliert werden. 4. Die Gegenprobe prüft Kasus, Morphologie und syntaktisches Verhalten und trennt Antipassiv von Passiv, Objektweglassung und bloßer Informationsstruktur. 5. Dasselbe Ereignis kehrt mit verlagertem Zentrum zurück: Die Handlung bleibt zugänglich, doch ihr Patiens tritt aus dem grammatischen Vordergrund.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Typologie, Syntax und Morphologie prüfen Antipassive mit Paradigmen, Korpusbelegen und Elizitation. Diagnosen umfassen Kasuswechsel, Verbmarkierung, syntaktische Zugänglichkeit, Aspekt und Referenzialität des Patiens.
Beispiel
In einer ergativischen Sprache steht neben der transitiven Form »Die Frau-ERG nähte das Fell-ABS« eine markierte Form sinngemäß »Die Frau-ABS nähte am Fell-OBL«; das Patiens ist grammatisch weniger zentral.
Gegenbeispiel
Im Passiv »Der Brief wurde gelesen« wird typischerweise das Patiens zum hervorgehobenen Subjekt und das Agens herabgestuft. Diese Richtung ist nicht das Antipassiv.
Abgrenzung
Vom Passiv mit Patiensaufwertung, ergativer Grundausrichtung, gewöhnlicher Objektellipse, Intransitivierung ohne antipassive Eigenschaften und pragmatischer Agensfokussierung unterscheiden.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Das Antipassiv verschiebt die grammatische Perspektive auf das Agens und die Aktivität, reduziert die Zentralität des Patiens und verändert damit die sprachliche Gestalt desselben Ereignisses.
Resonanz
Die Handlung bleibt in Bewegung, während einer ihrer Pole leiser wird; das Agens tritt hervor, und das Patiens antwortet nur noch aus dem Rand der grammatischen Szene.
Etymologie
internationaler Fachterminus · Einzelgenealogie in der Vertiefung
Provenienz
Syntax/Grammatik → Valenzoperation → Quellenabgleich → ATLAS_133
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Antipassiv“. Atlas der Sprache, AT-133-044. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-133-044Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Polinskys typologische Darstellung führt „antipassive“ auf Silverstein 1972 zurück; diese Datierung ist hier ein indirekter Beleg. Die Konstruktion schwächt den Patienten zum obliquen oder unausgedrückten Argument ab, während der Handelnde erhalten bleibt. Sie ist besonders gut in ergativen Systemen sichtbar, kommt aber auch bei akkusativischer Ausrichtung vor. Eine deutsche Erstverwendung von „Antipassiv“ ist damit nicht belegt.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Im Atlas bezeichnet Antipassiv eine Änderung der Argumentrealisierung, nicht bloß eine Verschiebung der Aufmerksamkeit auf den Handelnden.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- HC-C-POLINSKY · §1 and §3, web lines5–19 and34–45