ATLAS DER SPRACHE

AT-103-011 · ATLAS 260

Ergativität

Grammatisches Muster, das das Subjekt eines intransitiven Verbs wie das Objekt eines transitiven Verbs behandelt.

Teil des Themenwegs Syntax und Grammatik

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Ergativität macht eine andere Gruppierung von Ereignisbeteiligten als in vertrauten Subjekt-Objekt-Modellen sichtbar. Der Eintrag eröffnet Sprachvergleich anhand von Alignmenttests, statt eine pauschale Umkehrung oder mangelnde Agentivität zu behaupten.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ergativität bezeichnet ein grammatisches Ausrichtungsmuster, bei dem das einzige Kernargument eines intransitiven Verbs mit dem patientenähnlichen Argument eines transitiven Verbs gruppiert wird, während dessen agensähnliches Argument anders behandelt wird. In Kasussystemen erscheinen die ersten beiden häufig im Absolutiv, das transitive Agens im Ergativ. Diese Ordnung erschüttert die aus Nominativ-Akkusativ-Sprachen vertraute Annahme, »Subjekte« bildeten überall dieselbe natürliche Klasse. Ergativität kann Kasus, Kongruenz, Syntax oder nur bestimmte Personen, Tempora und Konstruktionen betreffen; viele Sprachen zeigen Split-Systeme. Der Begriff öffnet somit keine exotische Umkehrung, sondern eine vergleichende Perspektive darauf, wie Sprachen Ereignisbeteiligte unterschiedlich bündeln und welche analytischen Kategorien tatsächlich einzelsprachlich belegt sind.

Denkbewegung

1. Drei Rollen werden zunächst verglichen: das einzige Argument eines intransitiven Verbs sowie Agens und Patient eines transitiven Verbs. 2. Ein ergatives Muster gruppiert das intransitive Argument mit dem transitiven Patienten und markiert oder behandelt das transitive Agens gesondert. 3. Kasus, Kongruenz oder syntaktisches Verhalten machen diese Ausrichtung sichtbar, jedoch nicht notwendig in allen Bereichen einer Sprache. 4. Die Gegenprobe kontrolliert Split-Bedingungen, Valenz und konkrete Diagnostik und vermeidet, europäische Subjektkategorien ungeprüft zu übertragen. 5. Das Ereignis kehrt als sprachspezifische Teilnehmerordnung zurück, in der Handeln und Betroffensein anders gekoppelt werden können.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Sprachtypologie und Syntax vergleichen Kasus, Kongruenz, Koordination und Referenzzugänglichkeit. Korpus- und Feldforschung dokumentieren Split-Ergativität nach Person, Aspekt oder Satztyp, statt eine Sprache pauschal zu etikettieren.

Beispiel

In einer ergativen Sprache werden der Handelnde eines transitiven Verbs und die übrigen Kernrollen unterschiedlich markiert. In einer Sprache mit ergativer Kasusmarkierung erhalten »das Kind« in »das Kind fiel« und »den Ball« in »das Kind warf den Ball« dieselbe Absolutivform; nur der Werfer wird ergativ markiert.

Gegenbeispiel

Im Deutschen stehen ich in ›ich schlafe‹ und ›ich sehe ihn‹ beide im Nominativ. Im Deutschen stehen »ich« in »ich schlafe« und »ich sehe ihn« beide im Nominativ, während das Objekt Akkusativ trägt. Dieses Muster ist nominativ-akkusativ, nicht ergativ-absolutiv.

Abgrenzung

Von Passivkonstruktion, semantischer Agentivität und einer vollständigen »Umkehrung« von Subjekt und Objekt unterscheiden. Ergativität ist ein Alignmentmuster mit möglichen Splits; morphologische und syntaktische Ergativität müssen getrennt diagnostiziert werden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Ergativität relativiert vertraute Subjekt-Objekt-Ordnungen und macht sichtbar, dass grammatische Systeme Ereignisbeteiligte nach unterschiedlichen Achsen gruppieren.

Resonanz

Sprachen ziehen verschiedene Verbindungslinien zwischen den Beteiligten eines Ereignisses; dieselbe Szene erhält dadurch eine andere grammatische Schwerpunktverteilung.

Etymologie

Zu griechisch érgon ›Werk, Handlung‹; moderner typologischer Terminus für eine bestimmte Ausrichtung grammatischer Kernrollen.

Provenienz

Kasusbeschreibung → Sprachtypologie → Split-Ergativität und konstruktionsbezogene Analysen

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Ergativität“. Atlas der Sprache, AT-103-011. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-103-011

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-103-011

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Historischer Hintergrund

Comries vergleichende Kasustypologie arbeitet mit S, A und P: dem einzigen Argument eines intransitiven Verbs sowie agenten- und patientenartigen Argumenten eines transitiven Verbs. Ergative Ausrichtung gruppiert S mit P und unterscheidet A. Dieser analytische Rahmen verhindert, dass das Wort nur als ungewöhnlicher Kasusname verstanden wird. Er belegt nicht die erste deutsche Verwendung von „Ergativität“.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Ergativität ist ein Muster der Zuordnung grammatischer Argumente; Kasusmarkierung ist eine seiner möglichen Realisierungen.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • HC-C-COMRIE · §1 Introduction and§2 definition of values, S/A/P comparison
Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.