Vertiefung
Anthimeria verwendet ein Wort in einer anderen Wortart als gewöhnlich, etwa ein Substantiv als Verb oder ein Adjektiv als Substantiv. Die Verschiebung überträgt nicht nur eine Bedeutung, sondern eröffnet neue grammatische Handlungsmöglichkeiten: Dinge können zu Tätigkeiten, Eigenschaften zu Personen oder Namen zu Verben werden. Manche Bildungen bleiben einmalige Überraschungen, andere werden regulärer Sprachgebrauch. Die Denkbewegung bestimmt den etablierten kategorialen Status, analysiert die neue syntaktische Position und rekonstruiert den dadurch erzeugten Bedeutungsgewinn. Sie prüft außerdem, ob wirklich ein Wortartwechsel vorliegt oder eine bereits lexikalisierte Variante, Ellipse oder gewöhnliche Konversion.
Denkbewegung
1. Die übliche Wortart und die im konkreten Satz verlangte syntaktische Funktion werden getrennt bestimmt. 2. Morphologische Markierungen und Satzumgebung zeigen, ob tatsächliche Konversion oder nur Ellipse vorliegt. 3. Der Bedeutungsbeitrag der neuen Wortart wird als Handlung, Eigenschaft, Träger oder Prozess rekonstruiert. 4. Korpus- und Wörterbuchbelege prüfen, ob die Verwendung neuartig, gruppenspezifisch oder bereits lexikalisiert ist. 5. Eine konventionelle Paraphrase legt offen, welche Prägnanz, Perspektive oder Irritation die Verschiebung erzeugt.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Morphologie, Syntax, Lexikographie, Neologismen-, Literatur- und Werbesprachenforschung untersuchen Anthimeria über Konversion, Produktivität und Verarbeitung. Diachrone Korpora zeigen, wann eine auffällige Umfunktionierung zur etablierten Wortartlesart wird.
Beispiel
In einer Werkstatt sagt die Leiterin: „Wir müssen den Entwurf noch einmal entbürokratisieren und stärker gemeinschaften.“ Das zweite Verb macht gemeinschaftliche Abstimmung als aktive Praxis sichtbar.
Gegenbeispiel
Eine homonyme Form oder eine bereits regulär in mehreren Wortarten gebrauchte Lexikoneinheit ist nicht ohne Weiteres Anthimeria. Der Text muss eine wahrnehmbare kategoriale Umfunktionierung leisten.
Abgrenzung
Von Konversion als allgemeinem Wortbildungsprozess, Metapher, Ellipse und Neologismus unterscheiden. Anthimeria bezeichnet den rhetorisch auffälligen Wortartwechsel im Gebrauch; Konversion kann vollständig konventionalisiert sein.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Anthimeria verdichtet, überrascht und macht neue Handlungen oder Identitäten sprachlich denkbar. Sie kann kreativ und prägnant wirken, aber auch Verständlichkeit verlieren oder Personen durch kategoriale Etikettierung reduzieren.
Resonanz
Ein Wort verlässt seine vertraute grammatische Bahn und antwortet auf neue Satzbeziehungen. Die bekannte Bedeutung klingt weiter, während eine neue Handlungsmöglichkeit entsteht.
Etymologie
griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass
Provenienz
Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Wortbildungsfiguren → ATLAS_152
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Anthimeria“. Atlas der Sprache, AT-HAR7-0010. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR7-0010Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Anthimeria ist in der rhetorischen Tradition der Gebrauch eines Wortes in einer anderen Wortart als der erwarteten. Silva Rhetoricae leitet den Namen aus griechisch anti, anstelle, und mereia, Teil, her und verweist für eine frühneuzeitliche Behandlung auf Peacham 1577; dessen Originalpassage wurde hier nicht unabhängig kollationiert. Die Figur macht den Kategorienwechsel als stilistische Operation sichtbar, etwa wenn ein Substantiv spontan zum Verb wird. Grammatische Konversion beschreibt dagegen auch dauerhaft etablierte Wortartwechsel ohne ausdrücklichen rhetorischen Effekt. Ob ein Einzelfall kreative Anthimeria oder bereits lexikalisierter Normalgebrauch ist, entscheidet der zeit- und gemeinschaftsspezifische Sprachgebrauch.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Zu prüfen sind Ausgangskategorie, syntaktische Zielfunktion, Kontextneuheit und Verbreitungsgrad. Die bloße historische Entstehung eines konvertierten Wortes macht nicht jede heutige Verwendung zur rhetorischen Figur.