ATLAS DER SPRACHE

AT-172-0019 · ATLAS 260

Epiploce

Fortlaufende Wiederaufnahme eines Ausdrucks über mehrere Redeabschnitte.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Epiploce erschließt die fortlaufende Wiederaufnahme über mehrere Redeabschnitte als längere Bindungsbewegung. Ihre Eigenständigkeit gegenüber Gradatio, Anadiplose und Conduplicatio bleibt traditionsbezogen am konkreten Kettenbau zu prüfen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Epiploce bezeichnet eine fortlaufende Kette der Wiederaufnahme, in der ein Ausdruck über mehrere Rede- oder Satzeinheiten hinweg erneut erscheint und die Bewegung zusammenhält. Die Wiederholung kann jeweils am Übergang anschließen, Bedeutungen akkumulieren oder einen Begriff durch wechselnde Kontexte tragen. Historische Definitionen sind nicht überall einheitlich und überschneiden sich mit Conduplicatio, Anadiplose und Gradatio; deshalb sind Position, Reichweite und Steigerungsfunktion am konkreten Beleg anzugeben. Eine einzelne Wiederholung über zwei Glieder genügt für die charakteristische Kettenwirkung meist nicht. Epiploce macht Sprache zu einem Gedächtnisraum: Das bereits Gesagte wird nicht abgeschlossen, sondern in der nächsten Einheit erneut zum Ausgangspunkt. Die Denkbewegung folgt einem Wort durch mehrere Stationen, an denen es jeweils etwas aufnimmt, weitergibt und den Zusammenhang einer längeren Passage hörbar verdichtet.

Denkbewegung

1. Ein hervorgehobener Ausdruck tritt zunächst in einer Rede- oder Satzeinheit auf und erhält semantisches oder rhythmisches Gewicht. 2. Eine folgende Einheit nimmt ihn wieder auf und bindet ihren neuen Gehalt an das sprachliche Gedächtnis der vorherigen Stelle. 3. Weitere Wiederaufnahmen verlängern die Kette, akkumulieren Beziehungen und können Intensität oder argumentative Reichweite steigern. 4. Die Gegenprobe prüft Zahl, Position und Funktion und trennt Epiploce von Einzelwiederholung, Anadiplose, Conduplicatio und bloßer Gradatio. 5. Der wiederkehrende Ausdruck durchzieht die Passage als Spur; jede Station verändert ihn, während er die getrennten Glieder zusammenhält.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Korpuspoetik und Stilistik markieren Wiederholungspositionen, Kettenlänge, Variation und Steigerung. Historische Quellenkritik klärt konkurrierende Definitionen und verhindert automatische Gleichsetzung verwandter Figuren.

Beispiel

»Aus Zweifel wächst die Frage; die Frage ruft nach Prüfung; die Prüfung verändert das Urteil« führt ein wiederaufgenommenes Element über mehrere Glieder in jeweils neue Beziehung.

Gegenbeispiel

Ein Wort erscheint zweimal zufällig in einem langen Absatz, ohne hervorgehobene Position, Anschluss oder fortlaufende Funktion. Häufigkeitswiederholung allein erzeugt keine Epiploce.

Abgrenzung

Von Anadiplose, Gradatio, Conduplicatio, Epanalepse, Anapher, Leitwort und beliebiger Wiederholung unterscheiden; Übergangsposition, Zahl der Glieder, lexikalische Identität und kumulative Funktion angeben.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Epiploce schafft Zusammenhalt, rhythmische Erwartung und kumulative Intensität; bei mechanischer Wiederholung kann die Kette ihre semantische Entwicklung verlieren und nur redundant wirken.

Resonanz

Ein Wort gibt sich von Satz zu Satz weiter; sein Echo bleibt nicht am Ursprung, sondern sammelt auf jeder Station eine neue Schicht der Bedeutung.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition

Provenienz

Dublettenabgleich → Denkbewegung → DE/EN-Doppelfassung → Wiederholung → ATLAS_172

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Epiploce“. Atlas der Sprache, AT-172-0019. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-172-0019

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-172-0019

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Bullinger verbindet Epiploce mit wiederholter Anadiplose: Ein Schlussausdruck beginnt den nächsten Satzteil, wodurch eine Kette entsteht. Er trennt die Wiederholung der Wörter von einer möglichen Steigerung der Ideen. Eine treppenähnliche Form muss also keine Treppe zunehmender Wichtigkeit sein. Konkurrierende Namen und Reichweiten bleiben in der historischen Darstellung sichtbar. Der Beleg erhellt rhetorische Verbindung, nicht die Gültigkeit sämtlicher verknüpfter Schlussfolgerungen.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Wir prüfen jeden Übergang der Kette. Das wiederaufgenommene Wort lässt Schritte zusammenhängend wirken, beweist aber nicht, dass sie logisch auseinander folgen.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • E. W. Bullinger, Figures of Speech Used in the Bible (1898), Cornell scan · PDF p. 312: Climax and Epiploce

    Selected historical witness, not a complete genealogy or a first English attestation. Atlas comparisons and applications are original editorial interpretations. Uncorrected scan text layer; page numbers are PDF pages. Bullinger’s classifications and theological judgments are historical evidence, not a current consensus.

  • E. W. Bullinger, Figures of Speech Used in the Bible (1898), Cornell scan · PDF p. 312: Climax and Epiploce

    Selected historical witness, not a complete genealogy or a first English attestation. Atlas comparisons and applications are original editorial interpretations. Uncorrected scan text layer; page numbers are PDF pages. Bullinger’s classifications and theological judgments are historical evidence, not a current consensus.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.