Vertiefung
Conduplicatio nimmt ein Schlüsselwort aus einem Satz oder Teilsatz in der folgenden Einheit wieder auf. Die Wiederholung trägt den Ausdruck über eine syntaktische Grenze hinweg und macht ihn zum Gelenk zwischen zwei Gedankenbewegungen. Dabei kann das Wort seine Bedeutung stabilisieren, steigern oder im neuen Kontext verschieben. Nicht die bloße Häufigkeit, sondern die lokale Übergabefunktion ist entscheidend. Die Analyse markiert Vorkommen und Abstand, vergleicht grammatische Rolle und semantische Umgebung und fragt, was der zweite Einsatz mit dem ersten tut. Eine Version ohne Wiederaufnahme zeigt, ob Gedächtnis, Folgerung oder affektiver Nachdruck vom wiederholten Knoten abhängt.
Denkbewegung
1. Das wiederaufgenommene Schlüsselwort und die syntaktische Grenze zwischen seinen Vorkommen werden markiert. 2. Grammatische Funktion, Bedeutung und prosodischer Akzent beider Verwendungen werden miteinander verglichen. 3. Der zweite Einsatz wird als Fortführung, Steigerung, Umdeutung oder argumentative Folgerung klassifiziert. 4. Eine ersetzte oder unrepetierte Fassung prüft, welcher Zusammenhalt durch den Wortknoten verloren geht. 5. Der Blick verfolgt, wie der Ausdruck Erinnerung aus dem ersten Satz in die nächste Bewegung überträgt.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Rhetorik, Kohäsions-, Prosodie- und Diskursforschung untersuchen Conduplicatio mit Wiederholungsabstand, syntaktischer Rolle und Bedeutungsverschiebung. Computergestützte Analyse kann Kandidaten finden, benötigt aber Kontextprüfung der Gelenkfunktion.
Beispiel
„Wir brauchen nachvollziehbare Wege. Wege, die nicht nur zum Ergebnis führen, sondern auch ihre Herkunft zeigen.“ Das wiederholte Wort wird vom Zielbegriff zum Träger eines Kriteriums.
Gegenbeispiel
Ein häufiges Themawort, Anapher über viele Sätze oder zufällige lexikalische Wiederholung ist keine Conduplicatio. Das Schlüsselwort muss lokal aus einer Einheit in die folgende übergeben werden.
Abgrenzung
Von Anadiplose, Anapher, Diacope und Epiploce unterscheiden. Conduplicatio ist die lokale Wiederaufnahme eines Schlüsselworts in der Folgeeinheit; Anadiplose bindet typischerweise Satzende und nächsten Satzanfang unmittelbar.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Conduplicatio erhöht Kohäsion, Erinnerung und Nachdruck und kann aus einem Wort schrittweise einen argumentativen Leitbegriff machen. Übermäßige Verwendung wirkt dagegen formelhaft oder insistierend.
Resonanz
Ein Wortimpuls klingt am Ende einer Bewegung aus und wird im nächsten Raum wieder aufgenommen. Seine Form bleibt gleich, doch die neue Umgebung verändert den Nachhall.
Etymologie
griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass
Provenienz
Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Wiederholungsfiguren → ATLAS_154
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Conduplicatio“. Atlas der Sprache, AT-HAR9-0003. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR9-0003Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Quintilian unterscheidet Stellen und Aufgaben wiederholter Formulierungen: Verstärkung, Mitleid, Wiederaufnahme nach Einschub oder Verbindung von Satzteilen. Diese historische Umgebung zeigt, dass Wiederholung nicht immer dieselbe Wirkung hat. Sie belegt nicht jeden späteren Umfang des Namens Conduplicatio. Wichtig wird der Abstand zwischen erster und zweiter Verwendung: Gleiche Wörter können Aufmerksamkeit, Zusammenhang oder Deutung verändert aufnehmen.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Wir prüfen, was die zweite Nennung hinzufügt. Eine wiederholte Anschuldigung bleibt ohne neue Gründe eine Anschuldigung, nicht ein zweiter unabhängiger Beleg.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Quintilian, Institutio oratoria IX.3; H. E. Butler, English translation, Loeb Classical Library III (1920) · Institutio oratoria IX.3.28–35: repetition and renewed emphasis
Selected passage, not a complete genealogy or an English first-attestation claim. Original Atlas applications are editorial interpretations, not reported experiments. Ancient analysis read in named English translation, not collated with Greek or Latin originals.
- Quintilian, Institutio oratoria IX.3; H. E. Butler, English translation, Loeb Classical Library III (1920) · Institutio oratoria IX.3.28–35: repetition and renewed emphasis
Selected passage, not a complete genealogy or an English first-attestation claim. Original Atlas applications are editorial interpretations, not reported experiments. Ancient analysis read in named English translation, not collated with Greek or Latin originals.