ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR7-0003 · ATLAS 260

Diacope

Wiederholung eines Wortes oder einer Wortgruppe mit kurzem Einschub dazwischen.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Diacope macht den kurzen Abstand innerhalb einer Wortwiederholung zum formalen Parameter und erklärt seine Wirkung als unterbrochene Wiederkehr. Epizeuxis reiht unmittelbar, während der Einschub hier den Abstand der Wiederkehr definiert.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Diacope wiederholt ein Wort oder eine Wortgruppe nach einem kurzen Einschub. Die beiden Wiederholungen bilden einen Rahmen, in dem das dazwischenstehende Material besonders hervorgehoben, emotional aufgeladen oder rhythmisch gebunden wird. Anders als eine unmittelbar aneinandergereihte Wiederholung erzeugt die Unterbrechung Abstand und Rückkehr: Das Wort verschwindet kurz und erscheint mit veränderter Bedeutung oder gesteigertem Gewicht erneut. Die Denkbewegung bestimmt die identischen Elemente, untersucht Länge und Funktion des Einschubs und vergleicht beide Vorkommen. Sie fragt, ob sich Referenz, Ton oder Wertung beim zweiten Auftreten verändert und welcher Effekt gerade aus der begrenzten Unterbrechung entsteht.

Denkbewegung

1. Die wiederkehrenden Wörter oder Wortgruppen werden exakt bestimmt und auf formale Identität geprüft. 2. Der Einschub wird nach Länge, Syntax, Bedeutung und seinem Verhältnis zum wiederholten Ausdruck analysiert. 3. Erstes und zweites Vorkommen werden auf veränderte Referenz, Betonung oder emotionale Färbung verglichen. 4. Eine Fassung ohne Einschub zeigt, welche Spannung und Erwartung durch die Unterbrechung entsteht. 5. Der Kontext entscheidet, ob die Rückkehr Nachdruck, Klage, Beschwörung, Ironie oder rhythmische Ordnung erzeugt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Prosodie, Lyrik-, Rede- und Gedächtnisforschung untersuchen Diacope anhand von Abstand, Betonung und Wiedererkennung. Experimentelle Varianten können messen, wann der Einschub Erinnerung verstärkt und wann er die Einheit der Wiederholung auflöst.

Beispiel

Eine Rednerin sagt: „Diese Entscheidung, trotz aller Warnungen, diese Entscheidung hat Vertrauen zerstört.“ Der Einschub füllt die Wiederkehr des Schlüsselworts mit begründeter Anklage.

Gegenbeispiel

Zwei weit voneinander entfernte Vorkommen oder eine zufällige lexikalische Wiederholung sind keine Diacope. Wiederholung und kurzer Einschub müssen als wahrnehmbare rhetorische Einheit zusammenwirken.

Abgrenzung

Von Epizeuxis, Conduplicatio, Epanalepsis und gewöhnlicher Wiederholung unterscheiden. Diacope besitzt einen kurzen Einschub zwischen den Wiederholungen; Epizeuxis stellt gleiche Ausdrücke unmittelbar nebeneinander.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Diacope erzeugt insistierenden Nachdruck und verbindet Wiedererkennbarkeit mit kurzer Spannung. Das zurückkehrende Wort kann wie bestätigt, verwundet, korrigiert oder emotional vertieft erscheinen.

Resonanz

Ein Ausdruck sendet einen ersten Impuls aus, wird kurz von anderem Material überlagert und kehrt hörbar zurück. Der Zwischenraum verändert seinen Nachhall und macht die Wiederkehr bedeutungsvoll.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Kontrollbestand → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Wiederholungsfiguren → ATLAS_152

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Diacope“. Atlas der Sprache, AT-HAR7-0003. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR7-0003

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR7-0003

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Historischer Hintergrund

Peacham beschreibt Diacope 1593 als Wiederkehr eines Ausdrucks mit einem kurzen Einschub. Seine Gebrauchsregeln beachten sowohl die Länge des wiederholten Ausdrucks als auch die Länge des Einschubs. Das Unterbrechen gehört damit zur Figur, statt bloß ein Hindernis ihrer Wahrnehmung zu sein. Bullinger nennt Diacope 1898 dagegen im Umfeld der Tmesis, bei der ein zusammengesetzter Ausdruck durch eingefügtes Material getrennt wird. Diese historische Namensnähe darf nicht zwei verschiedene Strukturen zusammenfallen lassen. Der Atlas folgt dem durch Peacham belegten Sinn der unterbrochenen Wiederholung. Seine analytische Frage lautet, was zurückkehrt und wie der Einschub diese Rückkehr verändert. Eine feste psychologische Wirkung oder die früheste Entlehnung des Fachworts wird damit nicht behauptet.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

„Ich warte, trotz allem, ich warte.“ Der Einschub verändert die wiederkehrende Aussage. Das ist etwas anderes als das Auftrennen eines zusammengesetzten Wortes: Wiederkehr und Worttrennung müssen als verschiedene Muster erkennbar bleiben.