ATLAS DER SPRACHE

AT-RES6-0005 · ATLAS 260

Geflügeltes Wort

Bekannte, wiederholt zitierte Formulierung, die sich aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst hat und kulturell weiterwandert.

Teil des Themenwegs Sprachphilosophie, Denken und Erkenntnis

Warum dieser Begriff im Atlas?

E · Exemplarischer Fall R3 · Begründeter exemplarischer Fall

Geflügeltes Wort zeigt kulturelle Weiterwanderung einer bekannten Formulierung nach Ablösung vom Ursprungskontext. Das englische Winged word benötigt Fachlabelprüfung und darf nicht jede Redensart einschließen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Ein geflügeltes Wort ist eine bekannte, wiederholt zitierte Formulierung, die sich aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst hat und durch kulturelle Erinnerung weiterwandert. Ihre prägnante Form bleibt erkennbar, während Sprecher sie auf neue Situationen beziehen, verkürzen, variieren oder ironisieren. Die Wendung trägt somit mindestens zwei Zeiten: die aktuelle Äußerung und eine Herkunft, die vollständig bekannt, nur vage erinnert oder fälschlich zugeschrieben sein kann. Ihre Wirkung entsteht aus geteilter Wiedererkennbarkeit. Anders als ein beliebiges Zitat muss das geflügelte Wort sozial zirkulieren; anders als ein Sprichwort besitzt es häufig eine identifizierbare Werk- oder Sprecherprovenienz. Der Begriff macht sichtbar, wie ein Satz viele Stimmen gewinnt und zugleich die Verantwortung für Quellenpflege herausfordert.

Denkbewegung

1. Eine prägnante Formulierung entsteht zunächst in einem bestimmten Werk, Ereignis oder zugeschriebenen Sprecherzusammenhang. 2. Sie wird wiederholt zitiert und löst sich allmählich von der Kenntnis der vollständigen ursprünglichen Szene. 3. Neue Sprecher übertragen die erkennbare Form auf andere Situationen und erzeugen durch Kürzung oder Variation neue Wirkungen. 4. Die Gegenprobe prüft tatsächliche Verbreitung, Wortlaut und Provenienz und trennt Zirkulation von einmaligem Zitat oder falscher Zuschreibung. 5. Die Formulierung kehrt als vielstimmiges Kulturgut zurück, das seine Herkunft mitführt, ohne auf deren ersten Sinn begrenzt zu bleiben.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Phraseologie, Zitatforschung und Kulturgeschichte verfolgen früheste Belege, Varianten, Zuschreibungen und Gebrauchskontexte in Korpora. Digitale Netzwerke zeigen, wann eine Formulierung kulturell stabil wird oder ihre Quelle verliert.

Beispiel

»Auch du?« wird in einer Teamsitzung scherzhaft verwendet, als eine weitere Person widerspricht. Die Form erinnert an »Auch du, Brutus?«, ohne die Bühnenszene zu erklären.

Gegenbeispiel

Ein Satz, den eine Person einmal aus einem unbekannten Manuskript zitiert, ist noch kein geflügeltes Wort. Es fehlt die nachweisbare wiederholte kulturelle Zirkulation.

Abgrenzung

Von Sprichwort ohne notwendig identifizierbaren Urheber, einmaligem Zitat, gefestigter Redewendung und populärem Einzelwort unterscheiden. Erforderlich sind prägnante Form, wiederholte Zirkulation und eine rekonstruierbare Herkunftsspur.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Das geflügelte Wort verdichtet kulturelles Gedächtnis in einer wiederverwendbaren Form und ermöglicht Gemeinschaft und Ironie, kann aber Fehlzuschreibungen forttragen.

Resonanz

Ein Satz löst sich von seiner ersten Stimme und gewinnt viele neue; in jeder Verwendung antwortet der aktuelle Anlass auf einen teilweise erinnerten Herkunftsklang.

Etymologie

deutsche und internationale Fachtradition · Herkunft im Profil

Provenienz

Metzler 6 → Vollabgleich → Resonanzprüfung → zweisprachiger Sichtlauf → ATLAS_181

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Geflügeltes Wort“. Atlas der Sprache, AT-RES6-0005. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RES6-0005

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-RES6-0005

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Dudens Überblick führt die Metapher geflügelter Worte auf homerische Rede zurück und zeichnet ihre deutsche Übersetzungs- und Sammlungstradition nach. Büchmanns Sammlung von 1864 ist eine ausgewiesene Station ihrer lexikographischen Popularisierung. Die genannten Originalausgaben sind hier nicht kollationiert. Für den Atlas zählt die Unterscheidung zwischen einem tatsächlich verbreiteten, auf eine Quelle zurückführbaren Ausdruck und einer nur prägnanten eigenen Formulierung.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Prüfe Herkunft, Verbreitung und neue Verwendung getrennt. Eine übernommene Formulierung kann Orientierung geben, aber im neuen Kontext etwas anderes nahelegen als im ursprünglichen. Quellenkenntnis schützt hier vor scheinbar selbstverständlicher Autorität.

Ergänzendes Beispiel

Eigene Formulierung: „Ein Plan ist noch kein Weg.“ Sie könnte zitiert werden, ist dadurch aber noch kein nachgewiesenes geflügeltes Wort. Gegenprobe: Prägnanz allein belegt keine Verbreitung.

Ergänzende Vertiefung

Ein wiedererkennbarer Satz bringt einen fremden Kontext in ein neues Gespräch mit. Das kann Verständigung beschleunigen: Man braucht nicht jede Voraussetzung neu auszubreiten. Die Erleichterung kann jedoch täuschen, wenn verschiedene Beteiligte mit demselben Zitat unterschiedliche Erinnerungen oder Wertungen verbinden. Prüfen wir Herkunft und aktuellen Gebrauch getrennt und formulieren wir den Gedanken einmal ohne die bekannte Wendung. Dann zeigt sich, ob ihre Autorität einen tragfähigen Gedanken stützt oder eine offene Frage überdeckt.

Nachweise zum historischen Abschnitt

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.