Vertiefung
Ein Zitat ist die markierte Übernahme fremder oder früherer Rede in einen neuen Zusammenhang. Es bewahrt einen Wortlaut oder einen ausgewiesenen Ausschnitt und verändert zugleich dessen Funktion, weil Auswahl, Rahmung und Nachbarschaft neu sind. Anführungszeichen allein garantieren weder Genauigkeit noch Fairness: Ein korrekt wiedergegebener Satz kann durch Auslassung oder Kontextwechsel irreführend werden. Zitate verteilen Stimmen und Autorität, ermöglichen Prüfung und Anschluss, können aber auch fremde Rede vereinnahmen. Wissenschaftlich gehören deshalb Quelle, Fassung, Umfang, Übersetzung und Eingriffsgeschichte zur Zitierhandlung. Der Begriff macht sichtbar, wie Sprache eine frühere Äußerung zugleich wiederholt und versetzt, sodass Identität des Wortlauts und Differenz des Gebrauchs gemeinsam geprüft werden müssen.
Denkbewegung
1. Eine Äußerung existiert zunächst in einer früheren Situation mit bestimmtem Sprecher, Medium, Zweck und Zusammenhang. 2. Eine neue Stimme wählt einen Ausschnitt aus, markiert seine Herkunft und setzt ihn in einen anderen Text oder Diskurs ein. 3. Der übernommene Wortlaut erhält durch Einleitung, Kürzung, Kommentierung und neue Nachbarschaft eine weitere kommunikative Funktion. 4. Die Gegenprobe vergleicht Quelle, genaue Fassung, Auslassungen und Kontext und prüft, ob die Rahmung den früheren Sinn verzerrt. 5. Die fremde Stimme kehrt erkennbar im neuen Text zurück und bleibt zugleich auf ihren ursprünglichen Ort rückverfolgbar.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Zitations-, Diskurs- und Wissenschaftsforschung kann Auswahl, Funktion, Kontexttreue und Zitationsnetzwerke untersuchen. Editionswissenschaft vergleicht Fassungen und dokumentiert Normalisierung, Übersetzung sowie Auslassungszeichen.
Beispiel
Ein Bericht übernimmt den Satz »Die Zuordnung bleibt vorläufig«, nennt Seite und Version und erklärt, dass die spätere Studie diese Einschränkung bestätigt statt aufgehoben hat.
Gegenbeispiel
Eine Autorin fasst eine Quelle in eigenen Worten zusammen und kennzeichnet dies korrekt als Paraphrase. Auch wenn der Gedanke übernommen ist, liegt ohne behauptete Wortlautübernahme kein direktes Zitat vor.
Abgrenzung
Von Paraphrase, Anspielung, Plagiat, indirekter Rede und bloßer Intertextualität unterscheiden. Das Zitat beansprucht markierte Übernahme; seine Genauigkeit und Kontexttreue bleiben getrennte Prüfgrößen.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Zitate schaffen Polyphonie, Nachprüfbarkeit und historische Verbindung; selektive Rahmung kann jedoch Autorität leihen, Gegner verkürzen oder Stimmen aus ihrem Kontext lösen.
Resonanz
Eine frühere Stimme tritt in einen neuen Raum ein; ihr Wortlaut klingt wieder, doch die neue Umgebung verändert, was in ihm hervorgehoben und beantwortet wird.
Etymologie
fachsprachliche Grundbezeichnung; etymologischer Einzelpass offen
Provenienz
Offenes Beziehungsnetz → Grundbegriffsprüfung → Metzler/HWRh-Abgleich → ATLAS_238
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Zitat“. Atlas der Sprache, AT-CORE-238-028. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-CORE-238-028Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Locke würdigt historische Berichte, warnt aber in Essay IV.xvi.§§10–11 vor Fehlern, Missverständnissen und Auslassungen beim Weiterzitieren. Wiederholung macht einen Bericht weder zur neuen Beobachtung noch automatisch wahrscheinlicher. Damit bietet er einen historischen Beitrag zur Quellenkritik, nicht zur vollständigen Geschichte von Zitatzeichen oder des deutschen Wortes Zitat. Besonders wichtig ist die Differenz zwischen dem konsultierten Original und einer übernommenen Zitierung. Die sichtbare Berufung auf eine Quelle muss auf ihre tatsächliche Vermittlung zurückgeführt werden können.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Ein Zitat belegt zunächst eine Übernahmehandlung. Seine Genauigkeit und seine Beweiskraft verlangen je eine eigene Prüfung.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- John Locke, An Essay Concerning Human Understanding (first published with the date 1690), Books III–IV; Gutenberg transcription identified as based on the second edition · IV.xvi.11, historical records and the reliability of citations when originals are unavailable
Selected original-English passages read; not collated against first-edition page images. Modern profile labels are explicitly distinguished from the terminology used by Locke. His account of ideas is a historical philosophical position, not a verified contemporary model of language or cognition.