Vertiefung
Autonymie liegt vor, wenn ein sprachlicher Ausdruck nicht seinen gewöhnlichen Gegenstand bezeichnet, sondern als Ausdruck auf sich selbst verweist. In »›Baum‹ hat vier Buchstaben« ist nicht von einem Gewächs, sondern von der Wortform die Rede. Diese scheinbar kleine Verschiebung ermöglicht Grammatik, Wörterbücher, Sprachkritik und große Teile wissenschaftlicher Metasprache. Markierungen wie Anführungszeichen oder Kursivierung können sie anzeigen, sind aber weder notwendig noch hinreichend; entscheidend ist die Gebrauchsebene. Autonymie darf deshalb nicht mit Zitat, Erwähnung jeder Art oder Selbstbezüglichkeit ganzer Aussagen gleichgesetzt werden. Der Begriff macht sichtbar, wie Sprache einen Teil ihrer eigenen materiellen oder konventionellen Gestalt zum Gegenstand nehmen kann, ohne dafür ein vollständig außerhalb der Sprache liegendes Medium zu benötigen.
Denkbewegung
1. Ein Ausdruck ruft zunächst seine gewöhnliche Bedeutung auf und scheint auf einen Gegenstand, Vorgang oder Begriff in der Welt zu weisen. 2. Der Satz entzieht ihm diese normale Referenz und behandelt Lautfolge, Schreibform oder Ausdruckseinheit selbst als den besprochenen Gegenstand. 3. Typografische oder syntaktische Hinweise helfen den Lesenden, zwischen Gebrauch des Ausdrucks und Erwähnung seiner Form umzuschalten. 4. Die Gegenprobe fragt, ob tatsächlich der Ausdruck selbst prädiziert wird, und trennt Autonymie von gewöhnlichem Zitat, Metapher und semantischer Selbstreferenz. 5. Sprache kehrt auf ihre eigene Oberfläche zurück und gewinnt dadurch eine Beobachtungsebene, von der aus ihre Formen beschreibbar werden.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Semantik, Sprachphilosophie und Korpusannotation untersuchen Use-Mention-Unterscheidungen, Zitationsformen und metasprachliche Prädikate. Formalisierte Analysen müssen zeigen, welche Ebene jeweils referiert und wie Markierungen Ambiguität auflösen.
Beispiel
Eine Lehrerin schreibt an die Tafel: »›lief‹ ist eine finite Verbform, während ›laufen‹ der Infinitiv ist.« Beide Ausdrücke werden als sprachliche Formen behandelt.
Gegenbeispiel
Im Satz »Der Baum verliert seine Blätter« bezeichnet Baum den Gegenstand beziehungsweise die Klasse der Bäume. Weder Anführungszeichen noch ein Prädikat über die Wortform liegen vor.
Abgrenzung
Vom Zitat als Wiedergabe einer Äußerung, von Metasprache als weiterem Beschreibungssystem, von Selbstreferenz ganzer Sätze, von Erwähnung eines Begriffs und von typografischer Markierung allein unterscheiden.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Autonymie macht den Ausdruck selbst beobachtbar, stabilisiert metasprachliche Analyse und verhindert, dass Rede über Wörter mit Rede über deren gewöhnliche Referenten verwechselt wird.
Resonanz
Das Zeichen weist nicht durch sich hindurch, sondern biegt den Verweis auf seine eigene Gestalt zurück; Sprache wird zugleich Medium und Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit.
Etymologie
deutsche/internationale Fachsprache · Etymologie und Begriffsgeschichte im Profil
Provenienz
Metzler-Suchfeld → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Fachprüfung → Metasprache → ATLAS_176
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Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Autonymie“. Atlas der Sprache, AT-METZ1-0010. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-METZ1-0010Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Jespersen hält in der Fußnote zu Kapitel VII, S. 96, fest, dass Wörter, Wortgruppen oder Wortteile als zitierte sprachliche Gegenstände behandelt werden können. Seine Beispiele betreffen den Ausdruck selbst, etwa die Unterscheidung ähnlich klingender Wörter. Das bietet einen historischen grammatischen Zeugen für die Trennung von Gebrauch und Erwähnung. Den späteren Fachnamen Autonymie oder autonymy und alle Formen fremder Rede belegt die Fußnote damit nicht.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Frage, ob der Satz vom Gegenstand oder von der verwendeten Wortform handelt. Anführungszeichen allein entscheiden diese Referenzfrage nicht.
Nachweise zum historischen Abschnitt
- Otto Jespersen, The Philosophy of Grammar, work first published 1924; inspected later printing with November 1934 afterword, exact printing year unresolved · Chapter VII, Subordination, printed p. 96, note on quotation words
Selected historical witness, not a complete genealogy or a first English attestation. Atlas comparisons and applications are original editorial interpretations. OCR of a later printing containing a 1934 afterword. The catalogue’s 1924 date identifies the work’s first publication, not the inspected copy. Historical judgments about languages and social groups require critical distance.