Vertiefung
Epicrisis gibt zunächst einen Ausspruch, Gedanken oder Textausschnitt wieder und schließt daran eine ausdrückliche kommentierende Beurteilung an. Zitat und Kommentar bleiben als zwei Stimmen oder Ebenen erkennbar, werden aber so gekoppelt, dass die zweite die erste erklärt, bewertet, bestätigt oder zurückweist. Die Auswahl und Rahmung des Zitats beeinflussen bereits vor dem Kommentar seine Lesbarkeit. Die Denkbewegung prüft deshalb zuerst Wortlaut, Umfang und Provenienz der wiedergegebenen Passage, trennt anschließend Aussage und Urteil und fragt schließlich, ob der Kommentar aus dem Zitat folgt oder ihm eine fremde Bedeutung, Absicht oder Tragweite zuschreibt.
Denkbewegung
1. Der wiedergegebene Ausspruch wird nach Wortlaut, Sprecher, Kontext und möglicher Kürzung verifiziert. 2. Zitat oder Paraphrase werden strikt von der anschließenden kommentierenden Stimme getrennt. 3. Das Urteil wird als Erklärung, Zustimmung, Widerlegung, Wertung oder Aktualisierung klassifiziert. 4. Belege und Schlussregeln zeigen, ob der Kommentar durch die zitierte Passage tatsächlich getragen wird. 5. Eine alternative Kommentierung macht sichtbar, welche Deutungsspielräume die ursprüngliche Aussage offenlässt.
Wissenschaftlicher Anwendungsfall
Intertextualitätsforschung, Rhetorik, Wissenschaftskommunikation, Journalismus- und Zitierforschung untersuchen Epicrisis über Zitattreue, Rahmung und Bewertungslogik. Das Verfahren eignet sich zur Analyse, wie Autorität übernommen, geprüft oder umgedeutet wird.
Beispiel
Eine Studie zitiert die Aussage „Das Verfahren ist vollständig transparent“ und kommentiert anschließend: „Diese Selbstbeschreibung wird durch den nicht veröffentlichten Auswahlschritt eingeschränkt.“ Danach nennt sie den Beleg.
Gegenbeispiel
Ein Zitat ohne nachfolgende explizite Beurteilung ist keine Epicrisis. Ebenso genügt ein Kommentar ohne erkennbare Wiedergabe eines fremden oder früheren Gedankens nicht.
Abgrenzung
Von Gnome, Exemplum, Zitatmontage und bloßer Paraphrase unterscheiden. Epicrisis verlangt auf die Wiedergabe folgendes ausdrückliches Urteil; eine bloße Anführung lässt diese kommentierende zweite Bewegung offen.
Wirkung auf Denken und Wahrnehmung
Epicrisis führt eine fremde Stimme vor und lenkt zugleich ihre Auslegung. Sie kann kritische Distanz und transparente Prüfung ermöglichen, aber auch durch selektives Zitieren den Eindruck unausweichlicher Bewertung erzeugen.
Resonanz
Eine frühere oder fremde Stimme erklingt erneut und erhält unmittelbar eine antwortende Stimme. Bedeutung entsteht im Abstand und in der Spannung zwischen Wiedergabe und Urteil.
Etymologie
griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass
Provenienz
Harjung-Register → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Zitatfiguren → ATLAS_150
Diesen Eintrag zitieren
Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Epicrisis“. Atlas der Sprache, AT-HAR5-0010. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR5-0010Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-15. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.
Historischer Hintergrund
Peacham beschreibt epicrisis 1593 als Urteil oder Erläuterung zu einer angeführten Aussage. Lob, Tadel und Erklärung sind verschiedene Beiträge der neuen Stimme. Seine Empfehlung knapper Kommentierung und sein Unterschied zwischen vorausgehendem und nachfolgendem Lob machen die Rahmung selbst sichtbar. Unkenntnis und Feindseligkeit können eine Quelle nach seiner Warnung falsch beurteilen. Der rhetorische Gebrauch ist von späteren klinischen Bedeutungen getrennt zu halten; eine gemeinsame Schreibform beweist keine unveränderte Fachtradition.
Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert
Der Kommentar ist ein prüfbarer Deutungsbeitrag, keine in das Zitat zurückzuschreibende Eigenschaft.