ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR5-0010 · ATLAS 260

Epicrisis

Wiedergabe eines Ausspruchs oder Gedankens mit anschließender kommentierender Beurteilung.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Epicrisis macht die zweite Bewegung vom wiedergegebenen Ausspruch zum ausdrücklichen Urteil sichtbar und erschließt so kommentierende Aneignung. Eine Zitatmontage ohne anschließende Beurteilung vollzieht diese zweite Bewegung nicht.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Epicrisis gibt zunächst einen Ausspruch, Gedanken oder Textausschnitt wieder und schließt daran eine ausdrückliche kommentierende Beurteilung an. Zitat und Kommentar bleiben als zwei Stimmen oder Ebenen erkennbar, werden aber so gekoppelt, dass die zweite die erste erklärt, bewertet, bestätigt oder zurückweist. Die Auswahl und Rahmung des Zitats beeinflussen bereits vor dem Kommentar seine Lesbarkeit. Die Denkbewegung prüft deshalb zuerst Wortlaut, Umfang und Provenienz der wiedergegebenen Passage, trennt anschließend Aussage und Urteil und fragt schließlich, ob der Kommentar aus dem Zitat folgt oder ihm eine fremde Bedeutung, Absicht oder Tragweite zuschreibt.

Denkbewegung

1. Der wiedergegebene Ausspruch wird nach Wortlaut, Sprecher, Kontext und möglicher Kürzung verifiziert. 2. Zitat oder Paraphrase werden strikt von der anschließenden kommentierenden Stimme getrennt. 3. Das Urteil wird als Erklärung, Zustimmung, Widerlegung, Wertung oder Aktualisierung klassifiziert. 4. Belege und Schlussregeln zeigen, ob der Kommentar durch die zitierte Passage tatsächlich getragen wird. 5. Eine alternative Kommentierung macht sichtbar, welche Deutungsspielräume die ursprüngliche Aussage offenlässt.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Intertextualitätsforschung, Rhetorik, Wissenschaftskommunikation, Journalismus- und Zitierforschung untersuchen Epicrisis über Zitattreue, Rahmung und Bewertungslogik. Das Verfahren eignet sich zur Analyse, wie Autorität übernommen, geprüft oder umgedeutet wird.

Beispiel

Eine Studie zitiert die Aussage „Das Verfahren ist vollständig transparent“ und kommentiert anschließend: „Diese Selbstbeschreibung wird durch den nicht veröffentlichten Auswahlschritt eingeschränkt.“ Danach nennt sie den Beleg.

Gegenbeispiel

Ein Zitat ohne nachfolgende explizite Beurteilung ist keine Epicrisis. Ebenso genügt ein Kommentar ohne erkennbare Wiedergabe eines fremden oder früheren Gedankens nicht.

Abgrenzung

Von Gnome, Exemplum, Zitatmontage und bloßer Paraphrase unterscheiden. Epicrisis verlangt auf die Wiedergabe folgendes ausdrückliches Urteil; eine bloße Anführung lässt diese kommentierende zweite Bewegung offen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Epicrisis führt eine fremde Stimme vor und lenkt zugleich ihre Auslegung. Sie kann kritische Distanz und transparente Prüfung ermöglichen, aber auch durch selektives Zitieren den Eindruck unausweichlicher Bewertung erzeugen.

Resonanz

Eine frühere oder fremde Stimme erklingt erneut und erhält unmittelbar eine antwortende Stimme. Bedeutung entsteht im Abstand und in der Spannung zwischen Wiedergabe und Urteil.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Register → Dublettenabgleich → Resonanzkompass → unabhängige Neufassung → Zitatfiguren → ATLAS_150

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Epicrisis“. Atlas der Sprache, AT-HAR5-0010. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR5-0010

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR5-0010

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Historischer Hintergrund

Peacham beschreibt epicrisis 1593 als Urteil oder Erläuterung zu einer angeführten Aussage. Lob, Tadel und Erklärung sind verschiedene Beiträge der neuen Stimme. Seine Empfehlung knapper Kommentierung und sein Unterschied zwischen vorausgehendem und nachfolgendem Lob machen die Rahmung selbst sichtbar. Unkenntnis und Feindseligkeit können eine Quelle nach seiner Warnung falsch beurteilen. Der rhetorische Gebrauch ist von späteren klinischen Bedeutungen getrennt zu halten; eine gemeinsame Schreibform beweist keine unveränderte Fachtradition.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Der Kommentar ist ein prüfbarer Deutungsbeitrag, keine in das Zitat zurückzuschreibende Eigenschaft.