ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR4-0014 · ATLAS 260

Paregmenon

Nahe Wiederholung von Wörtern desselben Stamms oder derselben Wortfamilie.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Paregmenon erschließt die Nähe verwandter Wörter als Form- und Bedeutungsbindung und macht Wortfamilienrelationen im unmittelbaren Textverlauf sichtbar. Polyptoton ist auf grammatische Varianten begrenzt, während Wortfamilien auch derivierte Einheiten umfassen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Paregmenon stellt Wörter desselben Stamms oder derselben Wortfamilie in enger Nachbarschaft zusammen. Die verwandten Formen können unterschiedlichen Wortarten angehören und müssen nicht bloß Flexionsformen desselben Lexems sein. Ihre Nähe macht Herkunft, begriffliche Verwandtschaft oder eine überraschende Bedeutungsdifferenz hörbar. Dadurch kann ein Gedanke verdichtet, zugespitzt oder spielerisch entfaltet werden. Etymologische Beziehung allein genügt jedoch nicht: Die Zusammenstellung muss im konkreten Text wahrnehmbar und funktional sein. Die Denkbewegung weist die Wortfamilie nach, vergleicht die Einzelbedeutungen und prüft, welche argumentative oder klangliche Beziehung gerade durch die räumliche Nähe entsteht.

Denkbewegung

1. Die benachbarten Ausdrücke werden morphologisch oder etymologisch auf eine gemeinsame Familie geprüft. 2. Ihre jeweiligen Wortarten und aktuellen Bedeutungen werden unabhängig voneinander bestimmt. 3. Die Nähe im Text zeigt, welche Gemeinsamkeit oder Differenz ausdrücklich hervorgehoben wird. 4. Klang, Rhythmus und Satzfunktion erklären Verdichtung, Kontrast oder spielerische Wirkung. 5. Eine Fassung mit unverwandten Synonymen macht den Mehrwert der Wortfamilienresonanz sichtbar.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Morphologie, Etymologie, Stilistik und Übersetzungsforschung untersuchen Paregmenon über Stammverwandtschaft, Textabstand und Funktion. Übersetzungen können formale Verwandtschaft verlieren und müssen ihre Wirkung gegebenenfalls anders herstellen.

Beispiel

Eine Rede verbindet: „Wer Vertrauen verlangt, muss sich vertrauenswürdig verhalten und dem Misstrauen Gründe entziehen.“ Die Wortfamilie entfaltet verschiedene Rollen desselben begrifflichen Feldes.

Gegenbeispiel

Historisch verwandte Wörter bilden kein Paregmenon, wenn sie weit auseinanderstehen oder ihre Beziehung im Text keinerlei wahrnehmbare Funktion hat. Auch rein notwendige Flexion ohne stilistische Nähe genügt nicht.

Abgrenzung

Von Polyptoton, Figura etymologica und Paronomasie unterscheiden. Paregmenon umfasst nahe Wörter derselben Familie; Polyptoton bezeichnet enger denselben Stamm in unterschiedlichen grammatischen Formen.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Paregmenon verdichtet ein Bedeutungsfeld und macht innere Verwandtschaft sprachlich hörbar. Es kann Argumente geschlossen erscheinen lassen, Differenzen schärfen oder ein prägnantes Wortspiel hervorbringen.

Resonanz

Verwandte Wörter treten nah zusammen und antworten einander mit gemeinsamen Klang- und Bedeutungsspuren. Der Stamm bleibt hörbar, während jede Form eine eigene Richtung einschlägt.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Formgeschichte im Quellenpass

Provenienz

Harjung-Register → Dublettenabgleich → unabhängige Neufassung → Wortbildungsfiguren → ATLAS_149

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Paregmenon“. Atlas der Sprache, AT-HAR4-0014. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR4-0014

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR4-0014

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Historischer Hintergrund

Peacham definiert 1593 Paregmenon als Ableitung eines folgenden Wortes aus einem vorhergehenden. Er verbindet den verwandten Klang mit sachlicher Nähe, warnt aber vor überflüssiger oder ungebräuchlicher Ableitung. Der gelesene englische Rezeptionszeuge belegt somit eine rhetorische Operation und ihre Gebrauchskritik; er datiert nicht die deutsche Übernahme oder den englischen Entlehnungsbeginn.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Ein gemeinsamer Stamm rechtfertigt die Figur nicht allein. Prüfe, ob die Wortverwandtschaft einen sachlichen Zusammenhang erschließt.