ATLAS DER SPRACHE

AT-HAR2-0012 · ATLAS 260

Diaphora

Wiederholung desselben Wortes mit veränderter Bedeutung oder Gewichtung.

Teil des Themenwegs Rhetorik und Stilistik

Warum dieser Begriff im Atlas?

F · Figur / Verfahren R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Diaphora macht erkennbar, wie die Wiederholung eines Wortes zwischen bloßer Benennung und einer veränderten oder gesteigerten Bedeutung unterscheiden lässt. Gerade die gleiche Form zwingt dazu, den Sinn erneut zu prüfen.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Diaphora bezeichnet die Wiederholung desselben Wortes, wobei sein Sinn, seine Wertung oder sein begriffliches Gewicht beim zweiten Auftreten verändert erscheint. Die lautliche Identität bleibt bestehen, doch Kontext, Akzent oder syntaktische Funktion zwingt zur erneuten Bestimmung: »Ein Vertrag ist ein Vertrag« kann etwa gerade zwischen Papierform und bindender Verpflichtung unterscheiden. Die Figur ähnelt der Antanaklasis, deren Definitionstraditionen sich teilweise überschneiden; Diaphora hebt häufig die nachdrückliche oder differenzierende Wiederaufnahme hervor, während Antanaklasis deutlicher als Wortspiel mit verschiedenen Bedeutungen beschrieben wird. Tautologie liegt nur vor, wenn keine produktive Differenz entsteht. Der Begriff macht sichtbar, wie Wiederholung einen Ausdruck nicht festschreibt, sondern seine innere Mehrschichtigkeit öffnet: Das zweite Wort antwortet auf das erste und verändert rückwirkend dessen Lesart.

Denkbewegung

1. Ein Wort wird zunächst in einer naheliegenden, noch wenig markierten Bedeutung oder Bewertung verwendet und setzt einen ersten Bezugspunkt. 2. Dasselbe Wort erscheint erneut, sodass formale Identität zunächst Gleichheit und Nachdruck erwarten lässt. 3. Kontext, Akzent oder syntaktische Position verschiebt jedoch Sinn oder Gewicht und zwingt dazu, beide Vorkommen gegeneinander zu lesen. 4. Die Gegenprobe benennt die semantische Differenz und trennt Diaphora von bloßer Wiederholung, Tautologie, Polyptoton, Antanaklasis und zufälliger Homonymie. 5. Der erste Gebrauch kehrt verändert zurück: Durch das zweite Vorkommen wird sichtbar, dass ein identisches Wort verschiedene begriffliche Lasten tragen kann.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Rhetorik, Semantik und Korpuslinguistik analysieren Koreferenz, Prosodie, Polysemie und lokale Kontraste. Annotation dokumentiert überlappende Terminologien und entscheidet anhand der tatsächlich realisierten Sinnverschiebung.

Beispiel

»Eine Grenze ist nicht bloß eine Grenze«: Das erste Vorkommen bezeichnet eine Linie, das zweite eine politisch und biografisch wirksame Ordnung.

Gegenbeispiel

»Sehr, sehr kalt« wiederholt dasselbe Intensitätswort mit gleicher Funktion zur Verstärkung. Ohne Bedeutungs- oder Gewichtungswechsel ist das Repetition, nicht Diaphora.

Abgrenzung

Die Abgrenzung zu Antistasis und Ploce hängt von der jeweiligen rhetorischen Systematik ab; Monolog gegenüber Dialog ist keine feste Grenze. Von Antanaklasis als stärker wortspielerischem Bedeutungswechsel, bloßer Repetition, Tautologie, Polyptoton, Traductio, Homonymie und semantischer Präzisierung ohne Wiederholung unterscheiden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Diaphora verbindet Nachdruck mit begrifflicher Differenz, aktiviert Polysemie und lässt dieselbe Form als Schauplatz konkurrierender Wertungen oder Abstraktionsstufen erscheinen.

Resonanz

Ein Wort ruft sich selbst zurück, doch sein Echo trägt ein anderes Gewicht; zwischen gleicher Form und verändertem Sinn öffnet sich ein Denkraum.

Etymologie

griechisch/lateinische Rhetoriktradition · Einzelgenealogie in Vertiefung

Provenienz

Harjung-Register → Differenzabgleich → unabhängige Neufassung → Wiederholungsfiguren → ATLAS_122

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Diaphora“. Atlas der Sprache, AT-HAR2-0012. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR2-0012

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-HAR2-0012

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Historischer Hintergrund

Peacham unterscheidet 1593 Diaphora von Ploce: Während Ploce bei ihm einen Eigennamen wiederholt, wird bei Diaphora ein allgemeines Wort erneut verwendet und anders verstanden. In seinem Beispiel bezeichnet „Mensch“ zunächst die Zugehörigkeit zur menschlichen Art, dann Menschlichkeit und Mitgefühl. Ebenso können Amtsbezeichnung und die mit dem Amt verbundene Erwartung auseinanderfallen. Die Wiederholung lässt damit eine Bedeutungsverschiebung hörbar werden. Peachams Unterscheidung gehört zu seinem rhetorischen Lehrsystem; sie beweist weder einen deutschen Erstbeleg noch, dass jede spätere Definition dieselbe Grenze verwendet. Für den Atlas ist gerade die Differenz zwischen bloßer Wortwiederholung und einer veränderten begrifflichen Anforderung ergiebig.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Frage bei jeder Wiederholung, was sich am verwendeten Begriff verändert. „Ein Richter sollte auch ein Richter sein“ wiederholt eine Amtsbezeichnung, fordert im zweiten Gebrauch aber ein entsprechendes Handeln. Die Denkbewegung liegt im Übergang von Benennung zu Anspruch; die bloße Wiederholung genügt nicht.

Nachweise zum historischen Abschnitt

  • Henry Peacham, The Garden of Eloquence (1593), Perseus transcription · Schemates Rhetorical: Diaphora, including use and caution where present

    The relevant transcription was read; it has not been collated against a 1593 page image. This dates a documented witness, not the first coinage. Historical moral, social and religious judgements are attributed to Peacham, not adopted as current knowledge.

Historische Quellenbezüge und Atlas-Anwendungen bleiben getrennt; die Übernahme ist keine neue Erstbeleg- oder Vollverifikationsbehauptung.