ATLAS DER SPRACHE

AT-103-008 · ATLAS 260

Suppletion

Bildung zusammengehöriger Wortformen aus etymologisch verschiedenen Stämmen.

Teil des Themenwegs Morphologie und Wortbildung

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Suppletion führt die Einheit eines Paradigmas trotz stark verschiedener Stämme vor. Sie ergänzt Allomorphie durch eine besonders aufschlussreiche Grenze zwischen Funktion und Formverwandtschaft; der Übergang zu starker Allomorphie bleibt theorieabhängig.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Suppletion liegt vor, wenn Formen eines grammatischen Paradigmas aus historisch verschiedenen Wortstämmen gebildet werden. Deutsch gut – besser – am besten oder sein – war zeigen, dass starke funktionale Zusammengehörigkeit ohne erkennbare formale Ableitung bestehen kann. Was synchron als ein Paradigma gelernt und gebraucht wird, ist diachron aus unterschiedlichen Quellen zusammengewachsen. Der Begriff durchkreuzt damit die Erwartung, grammatische Regelmäßigkeit müsse stets sichtbare Lautähnlichkeit erzeugen. Suppletion ist nicht einfach jede unregelmäßige Bildung: Gewöhnlich wird ein besonders großer Stammwechsel verlangt, wobei theoretische Grenzziehungen zwischen starker Allomorphie und Suppletion variieren. Die Denkbewegung führt von äußerer Verschiedenheit zu systemischer Einheit und öffnet den Blick auf Paradigmen als historisch geschichtete Funktionsordnungen.

Denkbewegung

1. Ein grammatisches Paradigma erzeugt zunächst die Erwartung, dass seine Formen einen wiedererkennbaren Stamm und regelmäßige Veränderungen teilen. 2. Bei bestimmten häufigen Lexemen erscheint an einer Paradigmenstelle eine Form, die lautlich nicht aus dem erwarteten Stamm ableitbar ist. 3. Grammatische Funktion, Distribution und Sprecherwissen koppeln die äußerlich verschiedenen Formen dennoch zu einer einzigen lexikalischen Einheit. 4. Die Gegenprobe untersucht historische Verwandtschaft, produktive Lautregeln und den Grad der Allomorphie, bevor ein Fall als Suppletion gilt. 5. Das Paradigma kehrt als funktionale Einheit zurück, deren sichtbare Brüche die Geschichte seiner Zusammensetzung bewahrt haben.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Morphologie, Spracherwerbsforschung und historische Linguistik vergleichen Paradigmen, Frequenz und Herkunft. Psycholinguistische Experimente prüfen, ob suppletive Formen gemeinsam gespeichert, durch Funktion aktiviert oder anders verarbeitet werden als reguläre Bildungen.

Beispiel

gut – besser – am besten. Kinder lernen »gut«, »besser« und »am besten« als zusammengehörige Steigerungsreihe, obwohl aus der Lautform von »gut« die Form »besser« nicht vorhergesagt werden kann.

Gegenbeispiel

klein – kleiner – am kleinsten ist reguläre Steigerung. »klein – kleiner – am kleinsten« verändert den Stamm nach produktiven Regeln und ist reguläre Komparation. Auch ein bloßer Rechtschreibwechsel ohne unabhängigen Stamm begründet keine Suppletion.

Abgrenzung

Von regulärer Flexion, lautgesetzlich erklärbarer Stammalternation und bloßer Orthografie unterscheiden. Die Grenze zu starker Allomorphie ist theorieabhängig; Suppletion bezeichnet typischerweise den äußersten Pol fehlender formaler Verwandtschaft innerhalb eines Paradigmas.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Suppletion macht sichtbar, dass grammatische Einheit stärker als formale Ähnlichkeit sein kann und dass Sprachsysteme historische Brüche funktional integrieren.

Resonanz

Verschiedene Wortkörper antworten auf dieselbe grammatische Aufgabe; ihre Kopplung lässt ein Paradigma über die Grenzen sichtbarer Verwandtschaft hinweg entstehen.

Etymologie

Lateinisch supplere ›ergänzen, auffüllen‹; ein Paradigma ergänzt fehlende Formen aus einem anderen Stamm.

Provenienz

Historisch-vergleichende Grammatik → unregelmäßige Paradigmen → Morphologie und Sprachwandel

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Suppletion“. Atlas der Sprache, AT-103-008. ATLAS 260, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-103-008

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-103-008

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Historischer Hintergrund

Das IDS erläutert Suppletion als Zusammenfassung verschiedener, nicht durch gewöhnlichen Ablaut oder Umlaut abgeleiteter Stämme in einem Flexionsparadigma und verweist auf lateinisch supplementum. Deutsche Beispiele sind Formen von sein sowie gut, besser und best-. Die typologische Darstellung von Veselinova in WALS unterscheidet schwache und starke Suppletion als Endpunkte eines Kontinuums. Sie bestimmt die formale Unvorhersagbarkeit synchronisch: Verschiedene historische Stammursprünge sind dort kein notwendiges Definitionskriterium. Der zuvor geforderte obligatorische Nachweis getrennter Stammgeschichte wird deshalb korrigiert. Eine historische Entstehungserklärung muss zusätzlich belegt werden; Erstprägung und Aufnahme des Fachworts ins Deutsche sind hier nicht ermittelt.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Prüfe zuerst, welche Formen im untersuchten System dieselbe paradigmatische Aufgabe erfüllen und ob die Formbeziehung nach dessen Regeln vorhersagbar ist. Entscheide dann, welcher Suppletionsbegriff verwendet wird. Eine zeitgeschichtliche Erklärung ist eine zusätzliche Erkenntnisebene, kein universales Eintrittskriterium.

Ergänzendes Beispiel

Eigenes Lehrbeispiel: Wer „gut – besser“ mit „klein – kleiner“ vergleicht, erkennt denselben grammatischen Vergleichsschritt, aber verschiedene Formbeziehungen. Dieser Vergleich zeigt die Analyseaufgabe, nicht den historischen Ursprung von besser.